
Wer sich etwas näher mit EFT und Klopfakupressur beschäftigt, stößt irgendwann auf eine naheliegende Frage: Macht es eigentlich einen Unterschied, dass wir beim EFT bestimmte Akupunkturpunkte klopfen?
Schließlich besteht EFT nicht nur aus dem Klopfen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf ein belastendes Thema, benennen Gedanken und Gefühle, arbeiten mit Akzeptanz und Neubewertung – alles Elemente, die auch aus anderen psychotherapeutischen Ansätzen bekannt sind.
Könnte es also sein, dass diese psychologischen Elemente für die beobachteten Veränderungen verantwortlich sind und das Klopfen dabei eigentlich gar nichts Besonderes dazu beiträgt?
Genau dieser Frage gingen Dawson Church, Peta Stapleton, Amy Yang und Fred Gallo in einer 2018 im Journal of Nervous and Mental Disease veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse nach.
Die entscheidende Frage: Was passiert ohne die Akupunkturpunkte?
Um herauszufinden, ob ein einzelner Bestandteil einer Methode tatsächlich etwas zum Ergebnis beiträgt, genügt es nicht, EFT mit einer Warteliste zu vergleichen. Interessanter sind sogenannte Komponenten- oder Vergleichsstudien.
Dabei wird möglichst viel von der Intervention beibehalten, während der Bestandteil verändert wird, dessen Bedeutung man untersuchen möchte. In diesem Fall also: Was geschieht, wenn die psychologischen Bestandteile erhalten bleiben, aber nicht die beim EFT verwendeten Akupunkturpunkte geklopft werden?
Die Autoren suchten systematisch nach entsprechenden Untersuchungen. Sie recherchierten unter anderem in PubMed, APA PsycINFO und Google Scholar und berücksichtigten englischsprachige, begutachtete Veröffentlichungen bis November 2016.
Sie fanden sechs Studien mit insgesamt 403 Teilnehmern, in denen EFT mit einer ähnlichen Intervention verglichen worden war, bei der das Klopfen auf die Akupunkturpunkte durch etwas anderes ersetzt wurde. Die Vergleichsgruppen verwendeten beispielsweise:
- Klopfen auf anderen, sogenannten Scheinpunkten,
- Zwerchfellatmung oder
- eine achtsamkeitsorientierte Atemübung.
Damit wird die Fragestellung wesentlich interessanter als bei einem einfachen Vergleich „EFT gegen keine Behandlung“.
Drei Studien erfüllten alle festgelegten Qualitätskriterien
Für ihre eigentliche Meta-Analyse legten die Autoren sieben Qualitätskriterien zugrunde. Dazu gehörten unter anderem Randomisierung, geeignete und zuverlässige Messinstrumente, eine klar definierte Untersuchungsgruppe und ausreichend veröffentlichte Daten zur Berechnung der Effektstärken.
3 der 6 gefundenen Studien erfüllten nach Einschätzung der Autoren sämtliche Kriterien und gingen in die ursprüngliche quantitative Meta-Analyse ein.
Untersucht wurden dabei ganz unterschiedliche Fragestellungen – unter anderem Ängste und Phobien, positive und negative Emotionen sowie psychische und körperliche Beschwerden bei Menschen mit einer sogenannten Frozen Shoulder. Das macht deutlich, worum es in dieser Meta-Analyse eigentlich ging: nicht darum, die Wirksamkeit von EFT bei einer bestimmten Erkrankung zu untersuchen, sondern eine viel grundlegendere Frage zu stellen:
Trägt die Stimulation der Akupunkturpunkte selbst zum beobachteten Ergebnis bei?
Was kam dabei heraus?
In der ursprünglichen Veröffentlichung von 2018 kamen Church und seine Kollegen zu dem Ergebnis, dass die Gruppen mit Akupunkturpunkt-Stimulation insgesamt bessere Ergebnisse erzielten als die entsprechenden Vergleichsbedingungen.
Nach der Veröffentlichung wurden allerdings Fehler in der statistischen Berechnung entdeckt, insbesondere bei verwendeten Standardabweichungen. Deshalb ließen die Autoren die Daten von einem unabhängigen Statistiker erneut auswerten und veröffentlichten 2020 ein Corrigendum – also eine wissenschaftliche Korrektur zur ursprünglichen Arbeit.
Für diese korrigierte Analyse wurden die längerfristigen Veränderungen vom Ausgangswert bis zur Nachuntersuchung betrachtet. Das Ergebnis:
Hedges‘ g = 0,73 im Fixed-Effects-Modell, mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,42 bis 1,04.
Im Random-Effects-Modell lag die Effektstärke mit g = 0,74 praktisch gleich hoch; das 95-%-Konfidenzintervall betrug 0,34 bis 1,13. Beide Ergebnisse waren statistisch signifikant (p < 0,0001).
Für wissenschaftliche Laien übersetzt: Die korrigierte Auswertung ergab weiterhin einen deutlichen Unterschied zugunsten der Interventionen, bei denen die Akupunkturpunkte tatsächlich stimuliert wurden.
Das Klopfen scheint also nicht einfach nur schmückendes Beiwerk zu sein
Bei EFT geschieht ja einiges gleichzeitig. Wir konzentrieren uns auf ein Thema, aktivieren möglicherweise damit verbundene Gefühle oder Körperempfindungen, sprechen darüber und klopfen gleichzeitig bestimmte Punkte.
Natürlich können schon Aufmerksamkeit, Akzeptanz, Exposition, Neubewertung und die therapeutische Situation etwas bewirken. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob diese Bestandteile wichtig sind. Das sind sie selbstverständlich.
Die interessantere Frage ist: Trägt das Klopfen darüber hinaus etwas Eigenes bei?
Die von Church und Kollegen ausgewerteten Untersuchungen sprechen dafür. Die Autoren formulierten ihre Schlussfolgerung entsprechend deutlich: Nach ihrer Analyse ist die Akupunkturpunkt-Stimulation kein inaktiver Bestandteil des EFT-Protokolls, sondern trägt zu den beobachteten Effekten bei.
Ein schönes Beispiel: EFT im Vergleich mit Atmung
Besonders anschaulich wird das bei einer der einbezogenen Untersuchungen: Menschen mit Frozen Shoulder wurden zufällig einer Warteliste oder zwei aktiven Interventionen zugeteilt.
- Eine Gruppe erhielt eine 30-minütige EFT-Anwendung.
- Bei der zweiten Gruppe wurde ein ansonsten vergleichbares Vorgehen eingesetzt, bei dem das Klopfen durch Zwerchfellatmung ersetzt wurde.
Unmittelbar nach der Intervention verbesserten sich sowohl in der EFT- als auch in der Atemgruppe verschiedene Werte. Bei der späteren Nachuntersuchung zeigte sich jedoch ein Unterschied: Verbesserungen bei den psychologischen Symptomen blieben in der EFT-Gruppe erhalten, während dies in der Atemgruppe nicht in gleicher Weise der Fall war. Auch bei Schmerzen und Beweglichkeit zeigten sich Unterschiede zugunsten der EFT-Gruppe.
Gerade solche Vergleiche sind interessant, weil Zwerchfellatmung selbst eine aktive Intervention ist. EFT wurde hier also nicht einfach gegen Nichtstun getestet.
Warum wurde über die Studie später diskutiert?
Zur wissenschaftlichen Genauigkeit gehört noch etwas dazu: Nach der Veröffentlichung der Arbeit entstand eine wissenschaftliche Diskussion über die statistische Auswertung und darüber, welche Messzeitpunkte für die Meta-Analyse herangezogen werden sollten.
Daraufhin veröffentlichten Church und Kollegen 2020 die bereits erwähnte korrigierte Berechnung. Kritiker hielten auch gegen diese Auswertung methodische Einwände aufrecht. 2022 veröffentlichten Church, Kip und Stapleton wiederum eine ausführliche Erwiderung und bekräftigten ihre Schlussfolgerung, dass die Akupunkturpunkt-Stimulation einen eigenen Beitrag zu den beobachteten EFT-Effekten leistet.
Die wissenschaftliche Diskussion ist damit nicht einfach verschwunden. Für die praktische Einordnung der Untersuchung ist deshalb eine etwas vorsichtigere Formulierung angemessen als ein endgültiges „Jetzt ist bewiesen, warum EFT funktioniert“.
Was man aus der Arbeit und ihrer korrigierten Auswertung mitnehmen kann, ist aber durchaus bemerkenswert: Die vorliegenden Vergleichsdaten liefern Hinweise darauf, dass es bei EFT einen Unterschied machen kann, ob tatsächlich die vorgesehenen Akupunkturpunkte stimuliert werden.
Genau das ist die spannende Botschaft dieser Untersuchung
EFT wird gelegentlich so erklärt, als bestehe seine Wirkung letztlich nur aus längst bekannten psychologischen Elementen – und das Klopfen sei eine Art Ritual, das man genauso gut weglassen könnte.
Die hier ausgewerteten Untersuchungen passen nicht gut zu einer so einfachen Erklärung. Sie sprechen vielmehr dafür, das Klopfen als ernst zu nehmenden Bestandteil des gesamten EFT-Prozesses zu betrachten.
Und vielleicht ist das auch für die praktische Anwendung eine schöne Erinnerung: Beim EFT verbinden wir nicht einfach ein Gespräch mit irgendeiner beliebigen körperlichen Beschäftigung. Die gezielte Stimulation bestimmter Punkte ist ein charakteristischer Bestandteil der Methode – und es gibt wissenschaftliche Daten, die dafür sprechen, dass genau dieser Bestandteil zum Ergebnis beitragen kann.
Wie groß dieser Beitrag bei unterschiedlichen Beschwerden, Menschen und Anwendungssituationen jeweils ist und über welche physiologischen Mechanismen er vermittelt wird, bleibt Gegenstand weiterer Forschung. Aber genau dafür ist Wissenschaft schließlich da: nicht nur zu fragen, ob etwas geschieht, sondern immer genauer herauszufinden, welcher Bestandteil was dazu beiträgt.
Quelle: Church, D., Stapleton, P., Yang, A., & Gallo, F. (2018). Is tapping on acupuncture points an active ingredient in Emotional Freedom Techniques? A systematic review and meta-analysis of comparative studies. The Journal of Nervous and Mental Disease, 206(10), 783–793.
Korrigierte Auswertung: Church, D., Stapleton, P., Kip, K., & Gallo, F. (2020). Corrigendum to: Is tapping on acupuncture points an active ingredient in Emotional Freedom Techniques: A systematic review and meta-analysis of comparative studies. The Journal of Nervous and Mental Disease, 208(8), 632–635.
Weitere wissenschaftliche Studien…
Wichtiger Hinweis: Die hier vorgestellte Methode der Klopfakupressur (EFT) versteht sich als komplementäre Maßnahme zur emotionalen Selbsthilfe. Sie ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starker oder anhaltender psychischer Belastung kann es sinnvoll sein, zusätzlich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.