Studie: EFT bei PTBS – Empfehlungen aus Forschung und Praxis

Fragen über Fragen

  • Wie viele Sitzungen mit EFT braucht es bei einer posttraumatischen Belastungsstörung?
  • Kann Klopfakupressur auch in Gruppen eingesetzt werden?
  • Was ist mit Menschen, die zusätzlich unter Ängsten oder Depressionen leiden?
  • Und wo liegen die Grenzen einer solchen Behandlung?

Mit genau diesen Fragen beschäftigt sich eine 2018 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Healthcare veröffentlichte Arbeit von Dawson Church, Peta Stapleton, Phil Mollon, David Feinstein, Elizabeth Boath, David Mackay und Rebecca Sims. Anders als viele der Studien, die hier vorstellt werden, handelt es sich dabei nicht um eine einzelne klinische Untersuchung mit einer neuen Gruppe von Studienteilnehmern. Die Autoren gingen einen Schritt weiter:

Sie werteten die bereits vorhandene Forschung zu Clinical EFT bei posttraumatischen Belastungsstörungen aus und verbanden sie mit den Erfahrungen von 448 EFT-Praktikern. Daraus entwickelten sie konkrete Empfehlungen für die praktische Anwendung von EFT bei PTSD, der englischen Bezeichnung für die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Was ist Clinical EFT?

Clinical EFT ist eine standardisierte Form der Klopfakupressur. Dabei werden psychotherapeutische Elemente – insbesondere aus kognitiven und Expositionsverfahren – mit dem Klopfen bestimmter Akupunkturpunkte kombiniert.

Ein belastendes Thema wird nicht einfach verdrängt oder „weggeklopft“. Die Aufmerksamkeit bleibt vielmehr auf einem bestimmten Gefühl, einer Erinnerung, einem Gedanken oder einer körperlichen Reaktion, während gleichzeitig bestimmte Punkte am Körper beklopft werden.

Die Autoren beziehen sich ausdrücklich auf Clinical EFT, also auf ein weitgehend standardisiertes Vorgehen, das auch den vorausgegangenen klinischen Studien zugrunde lag.

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EFT wurde bei sehr unterschiedlichen traumatischen Belastungen untersucht

Bemerkenswert ist die Bandbreite der Menschen, bei denen EFT bis dahin im Zusammenhang mit traumatischen Belastungen untersucht worden war.

Dazu gehörten unter anderem Kriegsveteranen, Überlebende sexueller Gewalt, Verkehrsunfallopfer, Gefängnisinsassen, Krankenhauspatienten, Jugendliche sowie Menschen nach Naturkatastrophen und von Menschen verursachten Katastrophen.

Die Autoren fassen die damalige Forschung dahingehend zusammen, dass erfolgreiche EFT-Behandlungen bei PTSD häufig innerhalb von etwa 4 bis 10 Sitzungen durchgeführt wurden. Dabei zeigten sich nicht nur Veränderungen der PTSD-Symptomatik. In verschiedenen Untersuchungen besserten sich gleichzeitig auch begleitende Beschwerden wie Angst und Depression.

Auch längerfristige Nachuntersuchungen deuteten darauf hin, dass erreichte Verbesserungen nach Abschluss der Behandlung erhalten bleiben können.

5 oder 10 Sitzungen – ein abgestuftes Modell

Besonders interessant für die Praxis ist das von den Autoren vorgeschlagene sogenannte Stepped-Care-Modell. Die Intensität der Behandlung soll dabei an die Schwere der Belastung angepasst werden.

  • Bei Menschen mit deutlichen, aber noch unterhalb des klinischen Schwellenwertes liegenden PTSD-Symptomen empfehlen die Autoren zunächst 5 individuelle EFT-Sitzungen zusätzlich zur üblichen Versorgung.
  • Liegt die Symptomatik im klinischen PTSD-Bereich, werden 10 individuelle EFT-Sitzungen empfohlen. Diese 10 Sitzungen sind nicht zufällig gewählt. Die Autoren orientierten sich dabei bewusst am oberen Ende der in der ausgewerteten Forschung gefundenen Behandlungsdauer. Sie entschieden sich damit für eine eher konservative Empfehlung.

Wichtig ist allerdings: Die Zahlen 5 und 10 sind Behandlungsempfehlungen dieser Leitlinie und keine Garantie, dass eine posttraumatische Belastungsstörung nach einer bestimmten Anzahl von EFT-Sitzungen verschwunden ist.

Traumatische Belastungen sind individuell. Gerade bei komplexen Traumatisierungen, frühen Entwicklungstraumata oder einer nach den ersten Behandlungsschritten weiterhin bestehenden PTSD-Symptomatik empfehlen die Autoren ausdrücklich eine intensivere weiterführende Behandlung.

Dazu können umfangreichere psychotherapeutische Verfahren, eine medikamentöse Behandlung oder eine Kombination verschiedener Ansätze gehören.

Klopfen nicht nur in der Einzelsitzung

Ein weiterer Aspekt gefällt mir an dieser Veröffentlichung besonders: Die Autoren betrachten EFT nicht ausschließlich als Methode, die einmal wöchentlich für eine Stunde im Behandlungszimmer stattfindet. Das Klopfen kann zusätzlich als Selbsthilfemethode vermittelt werden, damit Betroffene auch zwischen den Sitzungen mit auftretenden emotionalen Belastungen umgehen können.

Hinzu kommen Gruppenangebote. Besonders erwähnt wird dabei das im EFT bekannte Prinzip der Borrowing Benefits: Teilnehmer können davon profitieren, während sie in einer Gruppe gemeinsam klopfen beziehungsweise das Klopfen anderer Teilnehmer begleiten.

Die Autoren beziehen außerdem Angehörige und das soziale Umfeld mit ein. Partner und Familienmitglieder können Teil eines solchen unterstützenden Rahmens sein.

Damit entsteht ein wesentlich umfassenderes Bild: EFT findet nicht nur zwischen Therapeut und Klient statt, sondern kann – entsprechend angeleitet – durch Selbsthilfe, Gruppenarbeit und soziale Unterstützung ergänzt werden.

Auch online einsetzbar

Heute erscheint uns therapeutische oder beratende Arbeit per Video selbstverständlich. Als die Arbeit 2018 veröffentlicht wurde, war das noch deutlich weniger verbreitet.

Trotzdem bezogen die Autoren bereits Onlineangebote und telemedizinische Anwendungen in ihre Empfehlungen ein. Ergänzende digitale Angebote sollten Betroffenen helfen, die Methode selbstständig anzuwenden und die Arbeit zwischen den Sitzungen zu unterstützen.

Gerade bei einer relativ leicht erlernbaren körperorientierten Methode wie der Klopfakupressur ist das interessant. Die eigentliche Sitzung und die selbstständige Anwendung müssen keine Gegensätze sein, sondern können sich sinnvoll ergänzen.

Psychische und körperliche Veränderungen

Die von den Autoren ausgewertete Forschung beschränkte sich außerdem nicht ausschließlich auf psychologische Fragebögen.

In einzelnen Untersuchungen wurden auch physiologische Veränderungen betrachtet. Dazu gehörten beispielsweise Stresshormone und Veränderungen der Genexpression. Die Autoren sehen darin Hinweise darauf, dass erfolgreiche EFT-Anwendungen nicht nur mit subjektiv wahrgenommenen psychischen Veränderungen einhergehen können, sondern sich auch in messbaren körperlichen Parametern widerspiegeln.

Das ist ein spannender Forschungsbereich, weil gerade bei Stress und traumatischen Belastungen psychische und körperliche Reaktionen eng miteinander verbunden sind.

448 Praktiker flossen in die Empfehlungen ein

Neben der wissenschaftlichen Literatur stützten sich die Leitlinien auf eine umfangreiche Befragung von 448 EFT-Praktikern aus den USA und Großbritannien.

Gefragt wurde unter anderem nach ihrer Ausbildung, der Behandlung unterschiedlicher Schweregrade von PTSD, verwendeten Diagnose- und Messinstrumenten, Behandlungsergebnissen und den EFT-Techniken, die sich aus ihrer Sicht in der Praxis besonders bewährt hatten.

Die daraus zunächst entwickelten Empfehlungen wurden anschließend mit Vertretern wichtiger Organisationen diskutiert, die sich mit Ausbildung und Forschung zu EFT beschäftigten.

Die Veröffentlichung versucht damit, zwei Welten zusammenzubringen, die manchmal unnötig weit auseinanderliegen: wissenschaftliche Forschung und praktische therapeutische Erfahrung.

Was bedeutet diese Veröffentlichung?

Es geht längst nicht mehr nur um die Frage: „Kann Klopfen überhaupt etwas bewirken?“ Die Autoren beschäftigen sich bereits mit einer ganz anderen Ebene:

  • Wie kann EFT bei traumatischen Belastungen sinnvoll in ein abgestuftes Behandlungskonzept eingebunden werden?
  • Wie viele Sitzungen erscheinen aufgrund der bisherigen Forschung sinnvoll?
  • Wann reichen diese nicht aus?
  • Welche Rolle können Gruppen, Angehörige und Selbsthilfe spielen?
  • Und wann braucht ein Betroffener intensivere therapeutische oder medizinische Unterstützung?

Damit wird EFT nicht als isolierte Wundermethode dargestellt, sondern als ein Verfahren, das Bestandteil eines umfassenderen Versorgungskonzeptes sein kann.

Es geht nicht darum, möglichst schnell eine belastende Erinnerung „wegzuklopfen“. Gute Traumaarbeit braucht Sicherheit, Stabilisierung, ein angemessenes Tempo und einen auf den einzelnen Menschen abgestimmten Rahmen.

Dass gleichzeitig eine vergleichsweise einfache Methode wie EFT auch zur Selbstregulation zwischen Sitzungen eingesetzt werden kann, macht sie in diesem Zusammenhang besonders interessant.

Fazit

Die Veröffentlichung von Church und Kollegen zeigt, wie weit sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit EFT bereits entwickelt hatte: Die Autoren konnten 2018 nicht nur auf Untersuchungen mit unterschiedlichen traumatisierten Bevölkerungsgruppen zurückgreifen, sondern daraus bereits konkrete Empfehlungen für die klinische Praxis ableiten.

Besonders interessant ist das abgestufte Vorgehen: 5 EFT-Sitzungen bei subklinischer Symptomatik, 10 Sitzungen bei klinischer PTSD und eine weiterführende intensive Behandlung, wenn dies nicht ausreicht oder komplexe beziehungsweise entwicklungsbedingte Traumatisierungen vorliegen.

Dazu kommen Selbsthilfe, Gruppenarbeit, soziale Unterstützung und digitale Angebote.

Natürlich ist kein Mensch nach 10 Sitzungen automatisch „fertig“. So funktioniert Traumaarbeit nicht. Die Veröffentlichung zeigt aber, dass Klopfakupressur in der wissenschaftlichen Literatur nicht nur als kleine Entspannungsübung betrachtet wird. Clinical EFT wird hier als strukturierter therapeutischer Ansatz diskutiert, der bei posttraumatischen Belastungen in ein umfassendes Behandlungskonzept integriert werden kann.

Und vielleicht ist gerade das für Menschen interessant, die EFT bisher nur vom Hörensagen kennen: Hinter dem scheinbar einfachen Klopfen steckt inzwischen eine wissenschaftliche Forschungs- und Fachdiskussion, die weit über die Frage hinausgeht, ob man sich beim Klopfen einfach nur besser fühlt.

Quelle: Church, D., Stapleton, P., Mollon, P., Feinstein, D., Boath, E., Mackay, D., & Sims, R. (2018). Guidelines for the treatment of PTSD using Clinical EFT (Emotional Freedom Techniques). Healthcare, 6(4), Article 146.

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Wichtiger Hinweis: Die hier vorgestellte Methode der Klopfakupressur (EFT) versteht sich als komplementäre Maßnahme zur emotionalen Selbsthilfe. Sie ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starker oder anhaltender psychischer Belastung kann es sinnvoll sein, zusätzlich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.