Tipp der Woche: Die Tresorübung – Belastendes sicher aufbewahren

Manchmal tauchen während einer Sitzung Gedanken, innere Bilder, Erinnerungen oder Gefühle auf, für die gerade nicht genügend Zeit oder innere Stabilität vorhanden ist. Dann wäre es wenig hilfreich, einen belastenden Prozess einfach weiter zu vertiefen, nur weil er bereits begonnen hat.

Gerade bei der Arbeit mit belastenden oder traumatischen Erfahrungen gilt: Nicht alles, was sich zeigt, muss sofort bearbeitet werden.

Eine einfache imaginative Stabilisierungstechnik kann dabei helfen, innerlich Abstand zu schaffen und Belastendes zunächst sicher „aufzubewahren“: die Tresorübung.

Was ist die Tresorübung?

Die Tresorübung arbeitet mit einer inneren Vorstellung. Du stellst Dir einen Ort oder Behälter vor, in dem etwas absolut sicher verwahrt werden kann. Das kann tatsächlich ein schwerer Tresor aus Stahl sein. Es muss aber keiner sein. Vielleicht passt zu Dir eher eine verschließbare Truhe, ein Bankschließfach, ein stabiler Container oder ein anderer sicherer Aufbewahrungsort. Der Phantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

Entscheidend ist nicht, wie dieser Tresor aussieht, sondern dass er sich in Deiner Vorstellung sicher anfühlt und zuverlässig verschlossen werden kann. In ihm werden auch keine Wertgegenstände aufbewahrt. Stattdessen kannst Du dort vorübergehend belastende Gedanken, quälende innere Bilder, Erinnerungen oder andere Inhalte ablegen, mit denen Du Dich im Augenblick nicht weiter beschäftigen möchtest oder kannst.

Belastendes nicht verdrängen, sondern vorübergehend ablegen

Die Idee der Tresorübung wird manchmal missverstanden: Es geht nicht darum, unangenehme Erfahrungen einfach „wegzusperren“, damit man sich nie wieder mit ihnen beschäftigen muss. Vielmehr geht es um eine bewusste zeitliche Begrenzung:

„Damit beschäftige ich mich jetzt nicht weiter. Ich bewahre es sicher auf und kann später darauf zurückkommen.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Gerade in der Trauma-Stabilisierung kann es sinnvoll sein, zunächst die Fähigkeit zu stärken, die eigene Aufmerksamkeit und das eigene Erleben besser zu steuern. Nicht jede Erinnerung muss in dem Moment weiterverfolgt werden, in dem sie auftaucht.

Die Tresorübung kann deshalb helfen, zwischen „Es ist da“ und „Ich muss mich jetzt damit beschäftigen“ zu unterscheiden.

So kannst Du Deinen inneren Tresor entwickeln

Nimm Dir zunächst etwas Zeit und stelle Dir einen Tresor oder einen anderen sicheren Aufbewahrungsort vor. Achte darauf, dass er für Dich wirklich sicher erscheint. Wie groß ist er? Aus welchem Material besteht er? Wo befindet er sich? Wie wird er verschlossen?

Vielleicht besitzt er eine massive Tür mit einem Zahlenschloss. Vielleicht brauchst nur Du den Schlüssel. Vielleicht befindet sich Dein Tresor an einem besonders geschützten Ort, zu dem niemand außer Dir Zugang hat. Du kannst die Vorstellung so lange verändern, bis sie für Dich stimmig ist.

Dann kannst Du Dir vorstellen, belastende Inhalte dort hineinzulegen.

Bei einer Erinnerung könnte das beispielsweise ein inneres Bild sein, das Du wie ein Foto, einen Film, ein Dokument oder einen Gegenstand in den Tresor legst. Ein belastender Gedanke könnte auf einem Blatt Papier stehen. Vielleicht entsteht aber auch ganz von selbst eine andere Vorstellung.

Du musst dabei nichts erzwingen. Entscheidend ist, dass Du innerlich das Gefühl bekommst:

Das ist jetzt dort. Und dort kann es bleiben.

Anschließend verschließt Du den Tresor sorgfältig.

Eine mögliche Anleitung

Eine einfache Anleitung könnte beispielsweise so lauten:

  • „Stell Dir einen Tresor oder einen anderen sicheren Ort vor, an dem Du etwas zuverlässig aufbewahren kannst. Gestalte ihn so, dass er für Dich wirklich sicher ist.
  • Wann immer belastende Gedanken, Bilder oder Erinnerungen auftauchen, mit denen Du Dich im Moment nicht beschäftigen möchtest oder kannst, kannst Du sie symbolisch dort hineinlegen.
  • Wenn alles darin ist, was für den Augenblick dort bleiben soll, verschließe den Tresor sorgfältig.
  • Du entscheidest, wann Du ihn wieder öffnest. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt oder gemeinsam mit einem Therapeuten, wenn genügend Zeit und Stabilität dafür vorhanden sind.“
  • Danach sollte die Aufmerksamkeit wieder bewusst in die Gegenwart gelenkt werden: in den Raum, zum eigenen Körper, zum Kontakt der Füße mit dem Boden oder zu anderen stabilisierenden Wahrnehmungen.

Besonders hilfreich am Ende einer Sitzung

Die Tresorübung lässt sich sehr gut in therapeutische oder begleitende Sitzungen integrieren.

Manchmal wird während einer Sitzung ein Thema berührt, das sich nicht innerhalb der verbleibenden Zeit sinnvoll abschließen lässt. Vielleicht sind noch stärkere Emotionen vorhanden oder es sind weitere Erinnerungen aufgetaucht, die jetzt nicht mehr vertieft werden sollten.

Dann kann es sinnvoll sein, den begonnenen Prozess nicht einfach abrupt abzubrechen, sondern ihn bewusst „einzupacken“. Das kann dem Klienten vermitteln:

Wir ignorieren das Thema nicht. Aber wir müssen es jetzt auch nicht weiterverfolgen.

Gerade bei emotional belastenden Themen ist ein klarer Abschluss einer Sitzung wichtig. Die Tresorübung kann dabei ein Baustein sein – neben Orientierung im Hier und Jetzt, Körperwahrnehmung, Ressourcenaktivierung oder anderen stabilisierenden Techniken.

Auch mitten in einer Sitzung einsetzbar

Die Übung muss jedoch nicht erst am Ende eingesetzt werden.

Manchmal taucht während einer Sitzung plötzlich eine Erinnerung oder ein inneres Bild auf, das vom eigentlichen Thema wegführt oder momentan zu belastend erscheint. Auch dann kann man beispielsweise sagen:

„Das scheint wichtig zu sein. Wir müssen uns aber nicht jetzt damit beschäftigen. Wollen wir es zunächst sicher aufbewahren und später darauf zurückkommen?“

Damit wird das Erlebte weder abgewertet noch unnötig vertieft. Für die therapeutische Arbeit kann das ausgesprochen hilfreich sein: Nicht jeder auftauchende Inhalt muss sofort zum nächsten Arbeitsthema werden.

Der Klient behält die Kontrolle

Ein wichtiger Aspekt der Tresorübung ist die Selbstbestimmung.

Der Therapeut „sperrt“ nichts weg. Der Klient entscheidet selbst, was er hineinlegt, wie sein Tresor aussieht, wie er verschlossen wird und ob beziehungsweise wann er wieder geöffnet werden soll. Gerade in der Trauma-Stabilisierung ist dieser Aspekt bedeutsam. Menschen, die überwältigende Erfahrungen gemacht haben erlebten häufig Situationen, in denen sie wenig oder keine Kontrolle über das Geschehen hatten.

Stabilisierende Arbeit sollte deshalb möglichst das Gegenteil fördern: Orientierung, Wahlmöglichkeiten und das Erleben eigener Handlungsfähigkeit.

Wenn die Vorstellung eines Tresors nicht funktioniert

Nicht jeder Mensch kann mit inneren Bildern gleich gut arbeiten. Und nicht für jeden fühlt sich ausgerechnet ein Tresor sicher an. Das ist überhaupt kein Problem. Dann kann nach einer anderen Vorstellung gesucht werden: eine Kiste, ein Schrank, ein Archiv, ein sicherer Raum oder etwas völlig anderes.

Manche Menschen brauchen überhaupt kein deutliches inneres Bild. Es genügt ihnen, sich vorzustellen oder zu wissen, dass das Belastende für den Moment an einem sicheren Ort abgelegt wurde. Wichtig ist weniger die perfekte Visualisierung als das subjektive Erleben von Distanz, Begrenzung und Kontrolle.

Wenn eine imaginative Übung dagegen zusätzliche Unruhe oder Belastung hervorruft, sollte sie nicht erzwungen werden. Dann sind andere Formen der Stabilisierung möglicherweise besser geeignet (TTT, Atemübungen, …)

Stabilisierung bedeutet auch: entscheiden zu können, wann genug ist

In der Arbeit mit belastenden Erfahrungen besteht eine wichtige Fähigkeit nicht nur darin, sich schwierigen Themen zuzuwenden. Ebenso wichtig kann die Fähigkeit sein, rechtzeitig aufzuhören. Die Tresorübung vermittelt dafür ein einfaches inneres Prinzip:

Ich kann etwas wahrnehmen, ohne mich jetzt vollständig damit beschäftigen zu müssen. Ich darf entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Gerade deshalb gehört sie für mich zu den hilfreichen Werkzeugen der Trauma-Stabilisierung.

Sie ist einfach, flexibel einsetzbar und lässt sich gut mit anderen stabilisierenden Verfahren verbinden. Dabei sollte sie jedoch nicht als Methode verstanden werden, mit der belastende oder traumatische Erfahrungen dauerhaft „weggesperrt“ werden. Bei stärkeren oder anhaltenden psychischen Belastungen kann professionelle therapeutische Unterstützung sinnvoll oder notwendig sein.

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