Augen schließen. Augen öffnen. Nach rechts unten und links unten schauen. Die Augen kreisen lassen. Eine Melodie summen. Bis 5 zählen. Noch einmal summen. Und währenddessen die ganze Zeit einen Punkt auf dem Handrücken klopfen. Wer diese Abfolge zum ersten Mal sieht, dürfte sich fragen: Was hat das mit EFT zu tun?
Die Antwort führt ziemlich weit zurück in die Geschichte der Klopfakupressur. Denn das sogenannte 9-Gamut-Sequenz entstand nicht erst mit EFT. Es gehört zu den frühen Bestandteilen der Thought Field Therapy (TFT) des amerikanischen Psychologen Roger J. Callahan. Gary Craig lernte TFT Anfang der 1990er-Jahre bei Callahan kennen, vereinfachte dessen komplexeres System anschließend erheblich und entwickelte daraus EFT. Dabei übernahm er zunächst auch das 9-Gamut-Verfahren.
Heute gehört es nicht mehr zwingend zur üblichen EFT-Klopfrunde. Verschwunden ist es dennoch nicht. Aber beginnen wir von vorn:
Was bedeutet eigentlich „9 Gamut“?
„Gamut“ bedeutet im Englischen ungefähr die ganze Bandbreite, das ganze Spektrum oder die gesamte Skala. Die Bezeichnung hat also nichts mit neun Klopfpunkten des EFT zu tun. Beim 9-Gamut-Verfahren wird im Wesentlichen nur ein einziger Punkt beklopft: der sogenannte Gamut-Punkt auf dem Handrücken. Während dieser Punkt fortlaufend stimuliert wird, führt man neun verschiedene Aktivitäten aus.
Callahan selbst erklärte die Bezeichnung damit, dass an diesem Punkt eine ganze „Bandbreite“ unterschiedlicher Behandlungen beziehungsweise Aktivitäten durchgeführt wurde. In seiner 1995 veröffentlichten Beschreibung eines TFT-Trauma-Algorithmus bezeichnet er den Namen ausdrücklich als Hinweis auf diese „gamut of treatments“. Es handelt sich also genauer gesagt um neun Aktivitäten während des Klopfens eines Gamut-Punktes.
Wo liegt der Gamut-Punkt?
Der Punkt befindet sich auf dem Handrücken zwischen den Mittelhandknochen von Ringfinger und kleinem Finger, knapp unterhalb der Fingergrundgelenke. In den TFT-Unterlagen wird er dem Akupunkturpunkt Dreifacher Erwärmer 3 beziehungsweise San Jiao 3 (SJ/TH-3) zugeordnet.
Welche Hand verwendet wird, spielt im klassischen TFT keine entscheidende Rolle. Häufig wird mit der dominanten Hand auf der anderen Hand geklopft. Man klopft diesen Punkt während des gesamten Verfahrens weiter.

So wird das klassische 9-Gamut-Verfahren durchgeführt
Der Kopf bleibt möglichst ruhig. Nur die Augen bewegen sich. Während Du kontinuierlich den Gamut-Punkt beklopfst, führst Du nacheinander folgende neun Schritte aus:
- Augen schließen.
- Augen öffnen.
- Scharf nach rechts unten schauen, ohne den Kopf mitzubewegen, und wieder geradeaus.
- Scharf nach links unten schauen und wieder geradeaus.
- Die Augen einmal vollständig im Kreis bewegen.
- Die Augen vollständig in die entgegengesetzte Richtung kreisen lassen.
- Einige Sekunden eine einfache Melodie summen (z. B. „Happy Birthday“).
- Von 1 bis 5 zählen.
- Noch einmal dieselbe kurze Melodie summen.
In TFT-Unterlagen wird für jede einzelne Aktivität ungefähr so lange weitergeklopft, dass etwa 5 Klopfimpulse darauf entfallen. Außerdem weist Callahan darauf hin, dass insbesondere die ersten 6 Schritte nicht zwingend in exakt derselben Reihenfolge durchgeführt werden müssen. Das gesamte Verfahren dauert damit meist deutlich weniger als eine Minute.
Warum wird ausgerechnet gesummt und gezählt?
Hier muss man zwischen historischer Erklärung und wissenschaftlich gesichertem Wirkmechanismus unterscheiden.
Callahan verstand das 9-Gamut-Verfahren als eine Art Feinabstimmung innerhalb seiner Thought Field Therapy. Er ging davon aus, dass durch die unterschiedlichen Aufgaben verschiedene Funktionen des Gehirns angesprochen beziehungsweise „ausbalanciert“ würden.
Gary Craig übernahm später eine ähnliche Vorstellung. In der EFT-Tradition wurde das Verfahren deshalb teilweise als „brain balancing“ oder „brain tuning“ bezeichnet.
Daraus entstand eine populäre Erklärung: Summen solle stärker rechtshemisphärische, Zählen stärker linkshemisphärische Prozesse ansprechen, während die Augenbewegungen weitere Gehirnaktivitäten einbezögen. Diese Darstellung findet sich auch heute noch in manchen EFT-Lehrmaterialien.
Als moderne neuropsychologische Erklärung sollte man das allerdings nicht als gesicherte Tatsache darstellen.
Dass Summen, Zählen, Augenbewegungen und gleichzeitige somatosensorische Stimulation unterschiedliche Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits- und motorische Prozesse beanspruchen, ist plausibel. Dass dadurch jedoch gezielt bestimmte Gehirnhälften „ausbalanciert“ werden und gerade daraus eine therapeutische Wirkung entsteht, ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
Für die praktische Anwendung darf man deshalb die historische Theorie nicht mit einer nachgewiesenen neurobiologischen Erklärung verwechseln.
Wie ist das 9-Gamut-Verfahren entstanden?
Um das zu verstehen, muss man zu Roger Callahan zurückgehen. Der klinische Psychologe entwickelte ab etwa 1980 Verfahren, bei denen psychische Belastungen fokussiert und gleichzeitig bestimmte Punkte beklopft wurden. Daraus entstand schließlich die Thought Field Therapy.
TFT unterschied sich wesentlich vom späteren EFT: Callahan verwendete unterschiedliche, problemspezifische Klopffolgen – sogenannte Algorithmen – und entwickelte darüber hinaus diagnostische Verfahren, mit denen die benötigte Punktfolge bestimmt werden sollte. Das 9-Gamut-Verfahren entstand innerhalb dieser Entwicklungsarbeit.
Callahan beschreibt seine Vorgehensweise als empirisches Ausprobieren verschiedener Bestandteile. Seine eigenen Angaben legen nahe, dass die einzelnen Elemente des Gamut-Verfahrens mithilfe seines damaligen diagnostischen Systems einzeln identifiziert und anschließend zu der Sequenz zusammengeführt wurden.
Das ist eine wichtige historische Besonderheit: Die 9 Schritte wurden nicht aufgrund einer bereits bestehenden neurologischen Theorie zusammengestellt. Die theoretischen Erklärungen kamen im Wesentlichen nach der praktischen Entwicklung.
Callahan schrieb später sinngemäß, die unterschiedlichen Gamut-Behandlungen sollten verschiedene Gehirnfunktionen in Bezug auf das jeweils behandelte Problem abstimmen. Eine ältere fachliche Darstellung seiner Methode bezeichnet die Gamut-Sequenz entsprechend als „fine-tuning procedure“ – also als eine Art Feinabstimmung nach der eigentlichen Klopfsequenz.
War das 9-Gamut-Verfahren von EMDR beeinflusst?
Diese Frage liegt wegen der Augenbewegungen nahe. Die zeitliche Entwicklung macht eine einfache Antwort jedoch schwierig. EMDR entstand Ende der 1980er-Jahre, während Callahan bereits zuvor mit seiner Thought Field Therapy und unterschiedlichen Behandlungssequenzen experimentierte.
In späteren Veröffentlichungen wird gelegentlich über mögliche Verbindungen zwischen den Augenbewegungen von TFT beziehungsweise EFT und EMDR spekuliert. Einen belastbaren historischen Nachweis dafür, dass Callahan das 9-Gamut-Verfahren aus EMDR übernommen hat, konnte ich für diesen Artikel jedoch nicht finden.
Historisch sauberer ist: Das 9-Gamut-Verfahren entwickelte Callahan innerhalb seiner eigenen TFT-Arbeit. Augenbewegungen bilden dabei nur einen Teil einer Kombination aus Klopfen, Augenbewegungen, Summen und Zählen.
Welche Funktion hatte das Verfahren ursprünglich im TFT?
Im klassischen TFT war das 9-Gamut-Verfahren nicht einfach eine beliebige Zusatzübung. Es hatte einen festen Platz innerhalb vieler Algorithmen. Das Grundschema lautete vereinfacht:
Klopfsequenz → 9 Gamut → Klopfsequenz wiederholen
In heutigen Unterlagen von Callahan Techniques wird ein TFT-Algorithmus dementsprechend als Abfolge aus Major Treatment – 9-Gamut Treatment – Wiederholung des Major Treatment beschrieben. Man könnte es sich auch wie ein Sandwich vorstellen:

Tatsächlich wird diese Struktur innerhalb des TFT-Umfelds und früher auch im EFT gelegentlich als „9-Gamut-Sandwich“ bezeichnet.
Das ist ein wesentlicher Unterschied zum heutigen Gebrauch innerhalb vieler EFT-Richtungen: Im TFT ist das Verfahren historisch viel stärker in die Architektur der Behandlung eingebaut.
Wie kam das 9-Gamut-Verfahren zum EFT?
1991 lernte der Stanford-Ingenieur, NLP-Practitioner und Coach Gary Craig bei Roger Callahan dessen Thought Field Therapy kennen. Craig begann anschließend, TFT zu vereinfachen. Einer seiner entscheidenden Schritte bestand darin, auf die unterschiedlichen problemspezifischen Klopfalgorithmen weitgehend zu verzichten.
Seine Idee war vereinfacht gesagt: Anstatt diagnostisch herauszufinden, welche Punkte bei welchem Problem benötigt werden, könnte man einfach eine ausreichend umfassende Reihe wichtiger Punkte jedes Mal beklopfen. Aus diesem Gedanken entstand das frühe EFT-Grundrezept. Und darin war das 9-Gamut-Verfahren zunächst vollständig enthalten.
Das ursprüngliche EFT-Grundrezept sah anders aus als heute
Das frühe EFT-Grundrezept von Gary Craig bestand im Kern aus vier Abschnitten:
1. Set-up
2. Klopfsequenz
3. 9-Gamut-Verfahren
4. erneute Klopfsequenz
Wer EFT bereits seit den frühen Jahren kennt, erinnert sich möglicherweise zusätzlich an die Fingerpunkte, die ebenfalls zur umfangreicheren ursprünglichen Sequenz gehörten. Die 9-Gamut-Folge war also nicht irgendein später hinzugefügtes Spezialverfahren. Sie gehörte früher zum vollständigen Originalrezept von EFT.
Warum ist das 9-Gamut-Verfahren aus dem üblichen EFT verschwunden?
Gary Craig vereinfachte EFT im Laufe seiner Arbeit immer weiter. Dabei stellte er nach eigener Erfahrung fest, dass er auch ohne die Gamut-Sequenz in vielen Fällen vergleichbar gute Ergebnisse erhielt. Gary Craig hörte etwa 1998 auf, das 9-Gamut-Verfahren routinemäßig in jeder EFT-Runde zu verwenden.
Das ist der entscheidende Punkt: Craig erklärte das 9-Gamut-Verfahren nicht grundsätzlich für wirkungslos. Er hielt es lediglich nicht mehr bei jeder einzelnen Klopfrunde für erforderlich. Dadurch entstand nach und nach das deutlich kürzere EFT, wie es heute von vielen Anwendern gelernt wird.
Wird das 9-Gamut-Verfahren heute überhaupt noch verwendet?
Ja – allerdings je nach Klopfrichtung sehr unterschiedlich.
In der Thought Field Therapy
In TFT ist die 9-Gamut-Sequenz weiterhin Bestandteil der Methode. Aktuelle Unterlagen von Callahan Techniques, der Organisation, die Roger Callahans TFT weiterführt, enthalten sowohl den Gamut-Punkt als auch das 9-Gamut-Treatment ausdrücklich.
TFT beschreibt es weiterhin als Bestandteil beziehungsweise Zwischenschritt seiner Algorithmen. Damit ist das vermutlich der Bereich, in dem das Verfahren heute noch am konsequentesten in seiner ursprünglichen Form eingesetzt wird.
Im klassischen EFT
Auch innerhalb des EFT ist die Methode keineswegs vergessen. Auch heute wird das 9-Gamut-Verfahren im EFT vollständig beschrieben. Gary Craig hat mal in einem Interview gesagt, „Wir wollen nes nicht vergessen, sondern legen es ins Archiv-Regal und holen es heraus, wenn wir es brauchen.“
9-Gamut wird eher als zusätzliche Möglichkeit eingesetzt, beispielsweise wenn sich ein Prozess festgefahren anfühlt, die Belastungsintensität trotz mehrerer Runden kaum verändert oder ein Anwender ausprobieren möchte, ob die zusätzliche Sequenz eine Veränderung hervorbringt.
Wenn also (1) die präzisere Benennung der Emotion oder (2) die Suche nach einer anderen, dominanteren Emotion erfolglos bleibt, wäre (3) die Neutralisierung einer „Neurologische Desorganisation“ ein guter nächster Schritt, um weiter zu kommen.
Was bedeutet „Neurologische Desorganisation“?
Der Begriff „Neurologische Desorganisation“, auch „Switching“ genannt, stammt vor allem aus der Applied Kinesiology und wurde später in Thought Field Therapy (TFT) und Teile der Energy Psychology übernommen.
Gemeint ist dort ein angenommener vorübergehender Zustand, in dem die Verarbeitung und Zuordnung von Informationen im Nervensystem gewissermaßen „durcheinandergerät“ – beispielsweise werden beim Muskeltesten widersprüchliche oder seitenverkehrte Reaktionen beobachtet.
In TFT gilt eine solche Desorganisation als möglicher Grund dafür, dass eine Klopfbehandlung nicht wie erwartet vorankommt; traditionell wird dann unter anderem die sogenannte Collarbone-Breathing-Technik eingesetzt.
Wichtig ist jedoch: „Neurologische Desorganisation“ in diesem Sinne ist keine anerkannte neurologische Diagnose und das zugrunde liegende Erklärungsmodell ist wissenschaftlich nicht hinreichend belegt. Der Begriff sollte deshalb als Konzept aus der Kinesiologie bzw. Energy Psychology und nicht als medizinisch nachgewiesene Funktionsstörung des Nervensystems verstanden werden.
In anderen Klopfverfahren
Darüber hinaus wurde das Verfahren oder wurden Teile davon von unterschiedlichen Weiterentwicklungen der Klopfakupressur übernommen. Dabei muss allerdings genau unterschieden werden: Nicht jede Methode, die Augenbewegungen oder den Gamut-Punkt verwendet, praktiziert deshalb automatisch das ursprüngliche Callahan-Verfahren.
Historisch eindeutig zurückverfolgen lässt sich die Linie jedoch: TFT nach Roger Callahan → ursprüngliches EFT nach Gary Craig → heutige optionale Verwendung innerhalb verschiedener EFT- und Klopfansätze.
Ist das 9-Gamut-Verfahren wissenschaftlich untersucht?
Hier ist Zurückhaltung wichtig. Es gibt wissenschaftliche Veröffentlichungen über TFT und EFT, in denen das 9-Gamut-Verfahren Bestandteil der jeweils untersuchten Intervention war. Bereits eine Veröffentlichung von 2005 beschreibt TFT beispielsweise ausdrücklich als Kombination aus problembezogener Aktivierung, Klopfen und dem 9-Gamut-Verfahren, mit weiteren Klopf- und Augenbewegungselementen.
Das beantwortet jedoch eine andere Frage als: Wirkt gerade das 9-Gamut-Verfahren zusätzlich – und wenn ja, wodurch? Für diese spezielle Frage gibt es bislang keine überzeugende Forschungsbasis, aus der sich die einzelnen neun Bestandteile oder ihre exakte Reihenfolge als notwendiger Wirkfaktor ableiten ließen.
Deshalb sollte man auch Aussagen wie „Summen aktiviert die rechte Gehirnhälfte, Zählen die linke und dadurch werden beide Gehirnhälften ausgeglichen“ nicht als wissenschaftlich bewiesenen Mechanismus darstellen. Das ist eine historische Erklärung innerhalb der Methode, keine etablierte neurowissenschaftliche Tatsache.
Ein fast vergessenes Stück EFT-Geschichte
Gerade das macht das 9-Gamut-Verfahren interessant. Es ist gewissermaßen ein lebendes Fossil aus der Entstehungsgeschichte der heutigen Klopfakupressur.
Roger Callahan entwickelte es innerhalb seiner Thought Field Therapy als eine Art Feinabstimmung zwischen zwei Klopfsequenzen. Gary Craig übernahm es in das ursprüngliche EFT-Grundrezept. Als Craig EFT später weiter vereinfachte, verschwand es aus der routinemäßigen Anwendung – wurde aber nie völlig aufgegeben.
Heute begegnet uns die Sequenz deshalb in drei Rollen gleichzeitig:
- Im TFT ist sie weiterhin Teil des traditionellen Behandlungssystems.
- Im klassischen EFT erinnert sie an das ursprüngliche vollständige Grundrezept.
- Und im modernen EFT steht sie als zusätzliches Werkzeug zur Verfügung, das bei Bedarf ausprobiert werden kann.
Wer heute EFT ohne 9-Gamut gelernt hat, macht deshalb kein „unvollständiges EFT“. Und wer die Sequenz verwendet, arbeitet keineswegs mit einer modernen Ergänzung. Im Gegenteil: Das 9-Gamut-Verfahren gehört zu den ältesten noch erhaltenen Bestandteilen der Klopfakupressur – älter sogar als EFT selbst.
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Wichtiger Hinweis: Die hier vorgestellte Methoden der Klopfakupressur (TFT, EFT u.a.) verstehen sich als komplementäre Maßnahmen zur emotionalen Selbsthilfe. Sie ersetzen keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starker oder anhaltender psychischer Belastung kann es sinnvoll sein, zusätzlich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.