
Eine positive COVID-19-Diagnose war besonders in den ersten Jahren der Pandemie für viele Menschen weit mehr als ein medizinischer Befund. Zur Sorge um den eigenen Gesundheitszustand kamen Isolation, Unsicherheit, Berichte über schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle sowie die Trennung von Familie und Freunden.
Kann Klopfakupressur in einer solchen Situation helfen, die psychische Belastung zu reduzieren?
Dieser Frage gingen Marcelina Boru Tambunan und ihre Kollegen in einer 2022 veröffentlichten Studie aus Indonesien nach. Untersucht wurde, wie sich Emotional Freedom Techniques (EFT) auf Angst und depressive Beschwerden bei Menschen auswirkten, die nach einer bestätigten COVID-19-Infektion isoliert waren. Die Untersuchung erschien in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Psikostudia: Jurnal Psikologi.
Die Ergebnisse sind vor allem deshalb interessant, weil EFT hier unter ganz konkreten Belastungsbedingungen eingesetzt wurde – während einer akuten Erkrankung und der damit verbundenen Isolation.
Wer nahm an der Studie teil?
An der Untersuchung beteiligten sich 22 Menschen mit bestätigter COVID-19-Infektion. Sie befanden sich im Juni 2021 in einer von der Stadt Pontianak auf Borneo bereitgestellten Isolationseinrichtung.
Die meisten Teilnehmer waren zwischen 18 und 37 Jahre alt, überwiegend noch nicht gegen COVID-19 geimpft und hatten nach Angaben der Autoren keine relevanten Begleiterkrankungen. Untersucht wurden Menschen mit leichten bis mittelschweren COVID-19-Verläufen.
Damit handelt es sich um eine recht klar eingegrenzte Gruppe. Die Ergebnisse können deshalb nicht ohne Weiteres beispielsweise auf schwer erkrankte oder intensivmedizinisch behandelte Patienten übertragen werden.
Wie wurde EFT angewendet?
Die Teilnehmer erhielten mehrere EFT-Anwendungen innerhalb weniger Tage. Der im Artikel dargestellte Studienablauf weist insgesamt vier EFT-Interventionen zwischen der ersten und der abschließenden Messung aus.
Dabei wurde EFT sowohl direkt als auch mithilfe eines Videos vermittelt. Das verwendete EFT-Video hatte eine Länge von lediglich 7 Minuten und 6 Sekunden.
Das macht die Untersuchung aus Sicht der Klopfakupressur besonders interessant: Hier wurde keine umfangreiche mehrwöchige Therapie untersucht, sondern eine vergleichsweise kurze Intervention, die sich zumindest teilweise auch selbstständig durchführen ließ.
Wie wurden Angst und depressive Beschwerden gemessen?
Die Forscher verwendeten zwei international etablierte Fragebögen.
Für die Angstbelastung kam der GAD-7 zum Einsatz. Dieser Fragebogen umfasst sieben Fragen und wird häufig zur Erfassung von Symptomen generalisierter Angst verwendet.
Depressive Beschwerden wurden mit dem PHQ-9 erfasst, einem neun Fragen umfassenden Instrument zur Einschätzung depressiver Symptome.
Wichtig ist dabei eine kleine, aber wesentliche sprachliche Unterscheidung: Diese Fragebögen erfassen die Stärke entsprechender Symptome. Die Untersuchung ersetzt damit keine ausführliche psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnostik.
Vor der ersten EFT-Anwendung wurden die Werte erfasst. Nach Abschluss der Interventionen erfolgte eine erneute Messung.
Was kam dabei heraus?
Die Ergebnisse waren deutlich: Der Angstwert sank nach den EFT-Anwendungen im Durchschnitt um 3,455 Punkte auf der GAD-7-Skala. Dieser Unterschied war statistisch hochsignifikant; die Autoren geben ein 95-%-Konfidenzintervall von 2,388 bis 4,521 Punkten und einen t-Wert von 6,738 an.
Auch die depressiven Beschwerden gingen zurück. Hier betrug die durchschnittliche Veränderung 1,409 Punkte im PHQ-9. Das 95-%-Konfidenzintervall lag zwischen 0,275 und 2,543 Punkten; auch dieser Unterschied war statistisch signifikant (p = 0,017).
Mit anderen Worten: Nach den EFT-Anwendungen berichteten die Teilnehmer sowohl weniger Angstsymptome als auch weniger depressive Beschwerden als vorher.
Besonders ausgeprägt war die Veränderung bei der Angst.
Warum ist das gerade in einer Isolation interessant?
Eine Erkrankung wie COVID-19 konnte in der damaligen Situation mehrere Belastungen gleichzeitig auslösen. Neben körperlichen Symptomen spielten die Angst vor einer Verschlechterung, Berichte über Todesfälle, die räumliche Isolation und eingeschränkter Kontakt zu anderen Menschen eine Rolle.
Auch die Autoren beschreiben entsprechende Sorgen bei ihren Teilnehmern.
Genau hier liegt ein interessanter Anwendungsbereich für eine Methode wie EFT: Körperliche Erkrankungen lassen sich dadurch selbstverständlich nicht ersetzen oder medizinisch behandeln. Die emotionale Reaktion auf eine belastende Situation ist jedoch ein eigenständiger Faktor.
Und genau diesen Bereich untersuchte die Studie.
Für die praktische Arbeit mit Klopfakupressur ist das bemerkenswert: Man muss eine belastende äußere Situation nicht unbedingt verändern können, um an der eigenen emotionalen Reaktion darauf zu arbeiten. Die Krankheit war nach dem Klopfen nicht plötzlich verschwunden. Die Isolation bestand weiter. Trotzdem hatten sich die gemessenen Angst- und Depressionswerte innerhalb des Untersuchungszeitraums verändert.
Was sagt diese Studie aus?
Hier lohnt sich eine sorgfältige Einordnung. Die Studie zeigt zunächst etwas sehr Konkretes:
Bei diesen 22 COVID-19-positiven Teilnehmern waren die gemessenen Angst- und Depressionswerte nach mehreren EFT-Anwendungen statistisch signifikant niedriger als vorher.
Das ist ein interessantes und ermutigendes Ergebnis.
Die Untersuchung hatte keine Kontrollgruppe. Alle 22 Teilnehmer erhielten EFT. Es gab also beispielsweise keine vergleichbare Gruppe von Erkrankten, die während desselben Zeitraums keine EFT-Anwendung erhielt.
Deshalb lässt sich nicht eindeutig feststellen, welcher Anteil der Verbesserung tatsächlich durch EFT verursacht wurde. Auch der natürliche Verlauf der emotionalen Belastung, Gewöhnung an die Isolation, zwischenmenschliche Betreuung, Erwartungen an die Methode oder andere Einflüsse könnten eine Rolle gespielt haben.
Die Autoren nennen die fehlende Vergleichsgruppe und die fehlende Kontrolle äußerer Einflussfaktoren selbst ausdrücklich als Einschränkungen ihrer Untersuchung. Es handelt sich deshalb um eine quasi-experimentelle Vorher-Nachher-Studie, nicht um eine randomisierte kontrollierte Studie.
EFT behandelte in dieser Studie nicht COVID-19
Dieser Punkt ist besonders wichtig. Im Originalartikel gehen die Autoren teilweise weiter und vermuten unter anderem, dass EFT die körperliche Genesung beschleunigen oder über eine Verbesserung der psychischen Situation das Immunsystem beeinflussen könnte.
Das wurde in dieser Untersuchung jedoch nicht gemessen.
Es wurden weder Viruslast noch Immunparameter, Krankheitsdauer, Komplikationsrate oder andere medizinische Genesungsparameter untersucht. Erfasst wurden Angst und depressive Beschwerden. Aus dieser Studie lässt sich deshalb nicht ableiten, dass EFT COVID-19 behandelt, die Infektion verkürzt oder die körperliche Genesung beschleunigt.
Das schmälert den interessanten Befund zur emotionalen Belastung keineswegs – es beschreibt lediglich korrekt, was tatsächlich untersucht wurde.
Was können wir aus der Studie mitnehmen?
Für mich liegt die interessanteste Botschaft dieser Untersuchung weniger in COVID-19 selbst als in der Situation, in der EFT eingesetzt wurde. Die Teilnehmer befanden sich in einer realen Belastungssituation, die sie nicht einfach beseitigen konnten. Sie waren krank, isoliert und mit Unsicherheit konfrontiert.
Und trotzdem zeigte sich nach wenigen kurzen EFT-Anwendungen eine messbare Veränderung ihrer emotionalen Belastung. Gerade darin liegt eine Stärke von Klopfakupressur als Methode zur emotionalen Selbstregulation: Nicht immer können wir das Problem, das Angst oder Belastung verursacht, unmittelbar lösen. Wir können aber möglicherweise beeinflussen, wie unser Nervensystem und unser emotionales Erleben darauf reagieren.
Die Untersuchung aus Pontianak liefert dafür einen weiteren interessanten Hinweis. Sie beweist aufgrund ihres Studiendesigns noch nicht, dass allein EFT für die beobachteten Veränderungen verantwortlich war. Aber sie zeigt deutlich genug, dass weiterführende kontrollierte Forschung in diesem Bereich sinnvoll ist.
Und für Menschen, die EFT bereits kennen und zur emotionalen Selbsthilfe einsetzen, ist sie ein schönes Beispiel dafür, wie niedrigschwellig Klopfakupressur selbst unter außergewöhnlich belastenden Bedingungen eingesetzt werden kann.
Ein kleines Forschungsprojekt mit einem bemerkenswerten Ergebnis
22 Teilnehmer sind keine große Stichprobe. Eine Kontrollgruppe fehlte und Langzeitmessungen wurden nicht durchgeführt. Trotzdem ist das Ergebnis bemerkenswert: Nach vier kurzen EFT-Anwendungen waren sowohl Angst als auch depressive Beschwerden geringer als zu Beginn der Untersuchung – und der Unterschied war statistisch signifikant.
Damit liefert die Studie einen weiteren Baustein für die wissenschaftliche Untersuchung der Klopfakupressur bei emotionaler Belastung. Interessant wäre nun vor allem eine größere randomisierte kontrollierte Studie, die EFT mit einer geeigneten Kontrollbedingung vergleicht und zusätzlich untersucht, wie stabil die Veränderungen über einen längeren Zeitraum bleiben.
Quelle: Tambunan, M. B., Setiawati, L., Suwarni, L., & Mardjan, M. (2022). EFT (Emotional Freedom Technique) as an alternative therapy to reduce anxiety disorders and depression in people who are positive Covid-19. Psikostudia: Jurnal Psikologi, 11(1), 59–68.
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Wichtiger Hinweis: Die hier vorgestellte Methode der Klopfakupressur (EFT) versteht sich als komplementäre Maßnahme zur emotionalen Selbsthilfe. Sie ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starker oder anhaltender psychischer Belastung kann es sinnvoll sein, zusätzlich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.