
Was steht eigentlich zwischen Dir und Deinem Ziel?
Im ersten Teil dieser Reihe ging es darum, beim Klopfen aufmerksam auf Deine Sprache zu achten. Denn bestimmte Formulierungen, wiederkehrende Aussagen und einschränkende Überzeugungen können wichtige Hinweise auf tieferliegende Themen geben.
Ein weiterer sehr interessanter Weg zum Kernthema ist die Zielfokussierung.
Dabei richtest Du den Blick zunächst gar nicht auf das Problem, sondern auf Dein gewünschtes Ziel. Du stellst Dir möglichst konkret vor, dass dieses Ziel bereits erreicht wäre. Und dann wird es spannend, denn häufig tauchen genau in diesem Moment Gedanken, Gefühle oder körperliche Reaktionen auf, die zeigen, was diesem Ziel innerlich noch entgegensteht.
Das kannst Du sowohl in der Selbstarbeit nutzen als auch in der professionellen Arbeit mit EFT, indem Du Deinen Klienten entsprechend durch diesen Prozess führst.
Lass Dein Ziel möglichst konkret werden
Zunächst geht es darum, zu klären, was Du eigentlich erreichen möchtest. Was soll anders sein? Und woran würdest Du merken, dass Du Dein Ziel erreicht hast?
Dabei reicht es häufig nicht, ein Ziel nur abstrakt zu formulieren. „Ich möchte selbstbewusster sein“ oder „Ich möchte eine glückliche Partnerschaft“ beschreibt zwar eine Richtung – wirklich interessant wird es aber, wenn Du Dir vorstellst, dieses Ziel sei bereits Wirklichkeit.
Zum Beispiel: „Stell Dir einmal vor, Du wärst bereits genau dort, wo Du hinmöchtest. Woran würdest Du merken, dass sich etwas verändert hat?“
- Was wäre dann anders?
- Wie würdest Du Dich verhalten?
- Wie würdest Du Dich fühlen?
- Was würdest Du vielleicht tun, was Du heute noch nicht tust?
- Wie würden andere Menschen auf Dich reagieren?
Je konkreter die Vorstellung wird, desto eher können auch Deine inneren Reaktionen darauf sichtbar werden.
Und dann kommen die „Ja, aber …“
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: „Ich möchte beruflich erfolgreich sein.“ Das klingt zunächst eindeutig.
Wenn Du Dir nun aber wirklich vorstellst, erfolgreich zu sein, können plötzlich ganz andere Gedanken auftauchen:
- „Dann erwarten alle noch mehr von mir.“
- „Dann habe ich überhaupt keine Zeit mehr.“
- „Was ist, wenn ich es nicht schaffe?“
- „Ich will nicht so werden wie mein Vater.“
- „Andere könnten neidisch auf mich sein.“
Oder vielleicht ganz schlicht:
- „Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.“
Genau diese spontanen Einwände sind interessant. Gary Craig bezeichnete solche inneren Nachsätze als „Tailender“. Das sind gewissermaßen die kleinen „Ja, aber …“, die hinter einer positiven Aussage oder einem gewünschten Ziel auftauchen.
Ein bewusst formulierter Satz kann beispielsweise lauten: „Ich kann erfolgreich sein.“ Innerlich folgt aber sofort:
- „… aber dafür bin ich nicht gut genug.“ Oder:
- „… aber dann verliere ich meine Freiheit.“ Oder:
- „… aber in unserer Familie hat es noch nie jemand zu etwas gebracht.“
Der zweite Teil ist für die EFT-Arbeit oft wesentlich interessanter als der erste.
Tailender können Wegweiser zum Kernthema sein
Ein Tailender muss noch nicht das Kernthema selbst sein. Er kann aber eine hervorragende Spur dorthin liefern. Nehmen wir den Gedanken:
„Ich bin nicht gut genug.“
Jetzt könntest Du direkt mit diesem Glaubenssatz klopfen. Du kannst aber auch erst einmal neugierig weiterforschen:
- „Woher kenne ich dieses Gefühl?“
- „Wann habe ich mich früher schon einmal so gefühlt?“
- „Gab es jemanden, von dem ich diese Botschaft bekommen habe?“
Vielleicht taucht plötzlich eine Situation aus der Schulzeit auf. Ein kritischer Vater. Eine Beschämung vor anderen. Oder eine Erfahrung, die auf den ersten Blick mit Deinem heutigen Problem überhaupt nichts zu tun hatte.
Und genau dort kann sich eine Spur zum Kernthema öffnen. Die Zielfokussierung wird damit zu einer Art Suchscheinwerfer: Du schaust auf Dein gewünschtes Ziel und beobachtest aufmerksam, was sich innerlich dagegenstellt.
Auch Dein Körper kann einen Einwand zeigen
Nicht jeder Tailender erscheint als klar formulierter Gedanke. Vielleicht stellst Du Dir Dein Ziel vor und denkst: „Eigentlich klingt das gut – aber irgendwie fühlt es sich komisch an.“ Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Vielleicht entsteht Druck im Brustkorb. Ein Kloß im Hals. Unruhe im Bauch. Eine Anspannung in den Schultern. Vielleicht verschwindet auch plötzlich das zuvor positive Gefühl. Solche Reaktionen musst Du nicht sofort interpretieren. Viel interessanter ist zunächst die neugierige Frage:
„Was passiert gerade in mir, wenn ich mir vorstelle, mein Ziel wirklich erreicht zu haben?“
Manchmal kommt die Antwort unmittelbar. Manchmal braucht es etwas Zeit. Und wenn Du professionell mit anderen arbeitest, kannst Du natürlich genauso aufmerksam auf solche kleinen Veränderungen achten und Deinen Klienten fragen, was gerade in ihm passiert.
Verfolge die gefundenen Einwände mit EFT weiter
Die auftauchenden Einwände kannst Du zunächst sammeln und notieren. Anschließend kannst Du mit ihnen einzeln weiterarbeiten und sie beklopfen.
Dabei geht es nicht unbedingt darum, einen störenden Gedanken möglichst schnell „wegzuklopfen“. Viel interessanter ist zunächst die Frage:
- Was steckt dahinter?
- Welche Emotion gehört dazu?
- Welche Erfahrung?
- Welche Befürchtung?
- Welche Überzeugung?
Manchmal führt ein scheinbar nebensächlicher Satz erstaunlich schnell zu einem Thema, das für Dein aktuelles Problem eine wichtige Rolle spielt. Genau deshalb ist die Zielfokussierung nicht nur eine Methode, um ein Ziel klarer zu formulieren. Sie ist vor allem eine Möglichkeit, über das Ziel an das heranzukommen, was seiner Verwirklichung innerlich im Wege steht.
Zielfokussierung ist kein „Wünsch Dir was“
Ein wichtiger Punkt wird bei der Zielfokussierung leicht missverstanden. Es geht nicht darum, dass Du Dir ein gewünschtes Ergebnis nur intensiv genug vorstellen musst, damit es Wirklichkeit wird. Die Visualisierung hat hier eine ganz andere Funktion. Du nutzt die Vorstellung Deines Ziels, um zu beobachten:
Was geschieht in mir, wenn ich mir vorstelle, dass dieses Ziel tatsächlich Realität wäre?
- Manchmal entsteht Freude und Zuversicht.
- Manchmal kommt ein klares „Ja, aber …“.
- Und manchmal taucht etwas auf, mit dem Du überhaupt nicht gerechnet hättest.
Gerade das kann der entscheidende Hinweis sein.
Mein Tipp: Achte auf die kleinen Einwände
Lass Dir bei dieser Arbeit Zeit und höre genau hin. Tailender sind nicht immer spektakulär. Manchmal kommen sie nur als kurzer Gedanke:
- „Ja, schön wäre es schon …“
- „Eigentlich kann ich mir das gar nicht vorstellen.“
- „Meine Frau würde wahrscheinlich denken, ich spinne.“
- „Dafür bin ich wohl schon zu alt.“
Geh über solche Gedanken nicht vorschnell hinweg. Gerade das scheinbar Nebensächliche kann die Spur sein, die Dich zu einem tieferen Thema führt. Bei der Selbstarbeit kann es sehr hilfreich sein, solche Einwände sofort aufzuschreiben. Manche Gedanken sind blitzschnell wieder verschwunden – obwohl sie einen wichtigen Hinweis enthalten können.
Und auch in der professionellen Arbeit lohnt es sich, auf beiläufige Bemerkungen, kleine Veränderungen der Stimme oder plötzlich auftauchende körperliche Reaktionen zu achten. Denn wie so oft beim EFT ist nicht entscheidend, was Du erwartest zu finden. Interessant ist das, was tatsächlich auftaucht.
Anfang: Wege zum Kernthema, Teil 1
Weiter: Wege zum Kernthema, Teil 3 – Aufdeckende Fragen (wird am 02.10.2026 veröffentlicht)
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