
Ein Erdbeben erschüttert nicht nur Häuser und Straßen. Auch im Inneren der betroffenen Menschen kann noch lange alles in Alarmbereitschaft bleiben.
Am 24. August 2016 wurde Mittelitalien von einem schweren Erdbeben getroffen. Besonders stark betroffen war die kleine Stadt Amatrice. Viele Menschen verloren Angehörige, ihre Wohnung oder ihre bisherige Lebensgrundlage. Zu der unmittelbaren Bedrohung kamen in den folgenden Tagen weitere Erdstöße, Unsicherheit und die Angst vor neuen Katastrophen.
Wie kann man Menschen in einer solchen Situation helfen?
Eine italienische Forschergruppe untersuchte, ob Akupunktur dazu beitragen könnte, psychische Belastungen und körperliche Schmerzen bei Betroffenen zu lindern. Die Ergebnisse sind auch für EFT- und Klopfakupressur-Anwender interessant – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: In dieser Studie wurde Akupunktur mit Nadeln untersucht, nicht EFT.
Wenn das Erdbeben im Nervensystem weitergeht
Nach einer Katastrophe können Körper und Psyche noch lange so reagieren, als wäre die Gefahr weiterhin gegenwärtig. Mögliche Folgen sind unter anderem:
- innere Unruhe und starke Anspannung,
- Angst und Schreckhaftigkeit,
- Schlafprobleme,
- bedrängende Erinnerungen,
- Niedergeschlagenheit,
- Konzentrationsprobleme,
- Muskelverspannungen und Schmerzen.
Solche Reaktionen sind zunächst keine ungewöhnliche Antwort auf eine außergewöhnliche Belastung. Das Nervensystem versucht, den Menschen zu schützen. Problematisch wird es, wenn die Alarmbereitschaft nicht mehr ausreichend nachlässt und das Erlebte den Alltag dauerhaft beeinträchtigt.
Genau in dieser schwierigen Zeit boten italienische Ärzte den Einwohnern der Erdbebenregion Akupunkturbehandlungen an.
Was wurde in der Studie untersucht?
Die wissenschaftliche Veröffentlichung beschreibt einen Hilfseinsatz der Lombardischen Vereinigung medizinischer Akupunkteure und der Organisation „Acupuncture in the World“.
Die Behandlungen fanden im September und Oktober 2016 über einen Zeitraum von fünf Wochen statt. Insgesamt nahmen 41 erwachsene Erdbebenbetroffene teil. Darunter waren 33 Frauen und acht Männer. Das Durchschnittsalter betrug knapp 59 Jahre. Die Teilnehmer berichteten über psychische Beschwerden, Schmerzen des Bewegungsapparates oder über eine Kombination aus beidem.
68,3 Prozent der behandelten Personen litten gleichzeitig unter körperlichen Schmerzen und psychischen Beschwerden. Diese Überschneidung ist aus der Trauma-Arbeit gut bekannt: Außergewöhnliche Belastungen werden nicht nur gedanklich und emotional erlebt. Sie können sich ebenso in Muskelanspannung, Schmerzen, Erschöpfung und einer anhaltenden körperlichen Alarmreaktion ausdrücken.
Die Behandlungen wurden von erfahrenen Ärzten mit Akupunkturausbildung durchgeführt. Die Auswahl der Punkte wurde individuell an die Beschwerden des jeweiligen Teilnehmers angepasst. Besonders häufig wurden Punkte auf folgenden Meridianen verwendet:
- Nierenmeridian,
- Dickdarmmeridian,
- Milzmeridian,
- Gallenblasenmeridian.
Dabei handelt es sich um die traditionelle chinesische Zuordnung der Akupunkturpunkte. Die Bezeichnungen dürfen nicht so verstanden werden, dass bei den Teilnehmern Erkrankungen der entsprechenden Organe vorlagen.
Wie wurden die Veränderungen erfasst?
Vor und nach den Behandlungen sollten die Teilnehmer die Stärke ihrer psychischen und körperlichen Beschwerden auf einer einfachen numerischen beziehungsweise sprachlich beschriebenen Skala einschätzen. Die Wissenschaftler verglichen anschließend die Werte vor und nach der Akupunktur. Es wurden also die subjektiv wahrgenommenen Veränderungen der Teilnehmer dokumentiert.
Nach drei an aufeinanderfolgenden Tagen durchgeführten Behandlungen berichteten:
- 54,05 Prozent über eine deutliche Verbesserung ihrer psychischen Beschwerden,
- 60,6 Prozent über eine deutliche Verbesserung ihrer Schmerzen.
Auch die statistische Auswertung zeigte bei beiden Beschwerdebereichen eine bedeutsame Veränderung zwischen den Messungen vor und nach der Behandlung. Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen wurden in der Veröffentlichung nicht beschrieben.
Was bedeuten diese Ergebnisse?
Die Beobachtungen sprechen dafür, dass Akupunktur in der unmittelbaren Zeit nach einer Naturkatastrophe als ergänzendes Angebot hilfreich sein könnte.
Besonders bemerkenswert ist, dass bereits nach wenigen Behandlungen Veränderungen wahrgenommen wurden. In Katastrophengebieten kann das von großer praktischer Bedeutung sein. Dort stehen oft weder ausreichend Therapieplätze noch längere Behandlungszeiträume zur Verfügung.
Die Studie zeigt außerdem, wie eng psychisches Erleben und körperliche Beschwerden miteinander verbunden sein können. Bei mehr als zwei Dritteln der Teilnehmer traten beide Bereiche gleichzeitig auf.
Eine körperorientierte Intervention muss deshalb nicht zwingend zwischen „seelischen“ und „körperlichen“ Folgen unterscheiden. Sie kann zunächst dort ansetzen, wo der Mensch die Belastung gerade wahrnimmt: bei innerer Unruhe, Angst, Anspannung oder Schmerz.
Was hat diese Studie mit EFT zu tun?
Akupunktur und EFT sind nicht dasselbe. Bei der Akupunktur werden Nadeln in ausgewählte Punkte eingeführt. Bei EFT werden bestimmte Akupunkturpunkte mit den Fingerspitzen beklopft, während die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf ein belastendes Thema, ein Gefühl oder eine Körperempfindung gerichtet wird.
Trotzdem ist die Studie für EFT-Anwender interessant. Beide Verfahren beziehen Akupunkturpunkte in eine körperorientierte Intervention ein. Darüber hinaus verweist die Veröffentlichung ausdrücklich auf eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur manuellen Stimulation von Akupunkturpunkten bei posttraumatischen Belastungsreaktionen mit Clinical EFT.
Die Studie liefert somit keinen direkten EFT-Nachweis, unterstützt aber eine grundlegende Beobachtung: Die gezielte Einbeziehung des Körpers kann bei stark belasteten Menschen ein sinnvoller Bestandteil stabilisierender Hilfe sein.
Warum körperorientierte Stabilisierung nach einem Trauma hilfreich sein kann
Menschen können sehr genau wissen, dass eine Gefahr vorüber ist – und sich trotzdem nicht sicher fühlen. Der Verstand sagt vielleicht: „Das Erdbeben ist vorbei.“
Der Körper reagiert jedoch weiterhin auf jedes Geräusch, jede Erschütterung oder jede Erinnerung. Herzschlag, Muskelspannung, Atmung und Aufmerksamkeit bleiben auf mögliche Gefahr ausgerichtet.
In einer solchen Situation reicht eine rein verstandesmäßige Erklärung häufig nicht aus. Der Körper benötigt wiederholt neue Erfahrungen von Orientierung, Halt und gegenwärtiger Sicherheit.
Körperorientierte Methoden können dabei unterstützen, die Aufmerksamkeit vorsichtig vom überwältigenden Geschehen zurück in den gegenwärtigen Moment zu lenken. Rhythmische und überschaubare Reize, ruhiges Atmen und die bewusste Wahrnehmung des Körpers können als Signale dienen:
- „Ich bin jetzt hier.“
- „Im Moment bin ich sicher.“
- „Ich kann wahrnehmen, was in mir geschieht, ohne davon vollständig überwältigt zu werden.“
Auch beim EFT-Klopfen kann genau dieser stabilisierende Aspekt im Vordergrund stehen.
Erst stabilisieren, dann verarbeiten
Nach extremen Belastungen ist es nicht immer sinnvoll, sofort ausführlich über das traumatische Ereignis zu sprechen. Wenn ein Mensch bereits stark aktiviert, innerlich abwesend oder von Erinnerungen überflutet ist, kann eine zu schnelle Konfrontation die Belastung zusätzlich verstärken. In der Trauma-Stabilisierung gilt deshalb ein wichtiger Grundsatz:
So viel Annäherung wie hilfreich – und so viel Abstand wie nötig.
Beim Klopfen könnte zunächst die Erste-Hilfe-Technik TTT (Trauma/Tension Tapping Technique) eine erste hilfreiche Stabilisierung schaffen. Beim EFT muss nicht unmittelbar das schlimmste Erlebnis bearbeitet werden. Hier kann man weitergehend die Tränenfreie Traumatechnik und/oder Chasing the Pain als körperzentrierten Ansatz verwenden. Zunächst können auch gegenwartsbezogene Wahrnehmungen als Einstimmungs-Sequenz mit einbezogen werden:
- „Auch wenn mein Körper noch sehr angespannt ist, spüre ich den Boden unter meinen Füßen.“
- „Auch wenn ein Teil von mir weiterhin in Alarmbereitschaft ist, bin ich jetzt hier.“
- „Auch wenn ich diese Unruhe wahrnehme, darf ich mir einen Moment Zeit geben.“
Dabei geht es nicht darum, Angst, Schmerz oder Erinnerungen wegzudrücken. Der Mensch soll vielmehr wieder erleben, dass er seinen inneren Zustand wahrnehmen und in kleinen Schritten beeinflussen kann.
Was man die Studie einordnen kann
Die Ergebnisse sind ermutigend, sollten jedoch vorsichtig interpretiert werden. Da es sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kontrollgruppe handelte, lässt sich nicht sicher sagen, welcher Anteil der Verbesserungen tatsächlich auf die Akupunktur zurückzuführen ist und welcher beispielsweise auf die natürliche Erholung, die medizinische Betreuung oder andere Unterstützungsangebote.
Zudem wurden keine standardisierten Diagnosen einer posttraumatischen Belastungsstörung gestellt, sondern vor allem selbst eingeschätzte psychische Beschwerden und Schmerzen erfasst. Auch eine zufällige Zuteilung der Teilnehmer, eine Vergleichsbehandlung und längerfristige Nachuntersuchungen fehlten.
Die Autoren kommen daher selbst zu dem vorsichtigen Schluss, dass Akupunktur möglicherweise zur Linderung erdbebenbedingter psychischer Beschwerden und Schmerzen beitragen kann, dies jedoch durch weitere hochwertige Studien bestätigt werden sollte.
Warum die Untersuchung trotzdem wertvoll ist
Eine Beobachtungsstudie unter Katastrophenbedingungen lässt sich nicht mit einer sorgfältig kontrollierten klinischen Studie vergleichen. Sie beantwortet jedoch eine andere, sehr praktische Frage:
Lässt sich ein körperorientiertes Verfahren unter schwierigen realen Bedingungen überhaupt anbieten – und nehmen die Betroffenen dabei Veränderungen wahr?
Bei dem Einsatz in Amatrice war dies offenbar möglich. Die Behandlungen konnten vor Ort durchgeführt werden, wurden von den Teilnehmern angenommen und gingen bei einem beträchtlichen Teil mit einer wahrgenommenen Besserung einher.
Solche Erfahrungen können eine Grundlage für zukünftige, methodisch strengere Studien schaffen. Vor allem zeigen sie, dass ergänzende körperorientierte Verfahren auch in der psychosozialen Katastrophenhilfe Beachtung verdienen.
Eine wichtige Anregung für die Klopfakupressur
Für EFT-Anwender liegt die wichtigste Botschaft nicht in der Vorstellung, eine bestimmte Punktkombination müsse bei Trauma immer gleich eingesetzt werden. Die eigentliche Anregung lautet:
Nach überwältigenden Erfahrungen braucht der Mensch nicht nur Worte. Auch der Körper benötigt behutsame Unterstützung, um wieder aus der Alarmbereitschaft herauszufinden.
EFT kann hierfür ein niedrigschwelliges Instrument sein. Es benötigt keine Nadeln und kaum Material, lässt sich nach sorgfältiger Anleitung zur Selbsthilfe einsetzen und kann mit Orientierung, Atmung und anderen stabilisierenden Übungen verbunden werden.
Gerade bei schwer traumatisierten Menschen sind jedoch fachliche Kompetenz, ein vorsichtiges Vorgehen und die Beachtung der individuellen Belastungsgrenzen entscheidend. Klopfen sollte nicht dazu verwendet werden, Menschen möglichst schnell in überwältigende Erinnerungen hineinzuführen. Sinnvoller ist häufig, zunächst Sicherheit, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit zur inneren Regulation zu stärken.
Fazit
Die italienische Beobachtungsstudie liefert Hinweise darauf, dass wenige Akupunkturbehandlungen bei Betroffenen eines schweren Erdbebens mit einer Verringerung subjektiv empfundener psychischer Beschwerden und körperlicher Schmerzen verbunden sein können. Sie macht eindrucksvoll sichtbar, welche Bedeutung körperorientierte Hilfen nach außergewöhnlichen Belastungen haben können.
Für die Klopfakupressur ist das eine ermutigende Botschaft: Die Arbeit mit Akupunkturpunkten kann möglicherweise dazu beitragen, Belastung regulierbarer zu machen. Dabei sollte EFT als komplementäre Unterstützung verstanden werden.
Quelle: Moiraghi, C., Poli, P., & Piscitelli, A. (2019). An observational study on acupuncture for earthquake-related post-traumatic stress disorder: The experience of the Lombard Association of Medical Acupuncturists/Acupuncture in the World, in Amatrice, Central Italy. Medical Acupuncture, 31(2), 116–122.
Weitere wissenschaftliche Studien …
Wichtiger Hinweis: Die hier vorgestellte Methode der Klopfakupressur (EFT) versteht sich als komplementäre Maßnahme zur emotionalen Selbsthilfe. Sie ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starker oder anhaltender psychischer Belastung kann es sinnvoll sein, zusätzlich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.