Studie: EFT in der Gruppe – Stressabbau durch „Borrowing Benefits“

Stress im Berufsleben betrifft nicht nur Angestellte. Gerade Unternehmer und Führungskräfte tragen häufig eine hohe Verantwortung: für Mitarbeiter, Kunden, finanzielle Entscheidungen und die Zukunft ihres Unternehmens. Abschalten fällt dabei nicht immer leicht.

Eine Studie von Dawson Church und Iuliana David untersuchte, ob ein eintägiges EFT-Seminar bei erfahrenen Unternehmern bereits unmittelbar messbare Veränderungen bewirken kann. Im Mittelpunkt stand eine besondere Form der Gruppenarbeit: die sogenannten Borrowing Benefits – auf Deutsch etwa „stellvertretender Nutzen“ oder „mitprofitieren“.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Nach dem Seminartag berichteten die Teilnehmer unter anderem über weniger psychische Belastung, geringere Schmerzintensität und ein schwächeres Verlangen nach problematisch erlebten Genussmitteln oder Lebensmitteln. Gleichzeitig muss ehrlich gesagt werden: Die Studie erfasste nur kurzfristige Veränderungen und hatte keine Kontrollgruppe.

Was ist „Borrowing Benefits“?

Bei dieser Form der EFT-Gruppenarbeit konzentriert sich der Seminarleiter zunächst auf einen einzelnen Teilnehmer und dessen konkretes Anliegen. Die anderen Gruppenmitglieder beobachten den Prozess und klopfen währenddessen bei sich selbst.

Dabei müssen sie nicht dasselbe Problem haben wie die Person, mit der gerade gearbeitet wird. Sie können sich auf ein eigenes Thema konzentrieren oder die vorgegebenen Formulierungen innerlich an ihre persönliche Situation anpassen.

Das Faszinierende an diesem Vorgehen: Auch Teilnehmer, die nicht im Mittelpunkt stehen, erleben häufig Veränderungen bei ihren eigenen Belastungen. Sie profitieren gewissermaßen von der begleiteten Arbeit mit einem anderen Gruppenmitglied.

Für EFT-Seminare ist das besonders interessant. Eine Gruppe muss nicht lediglich passiv zuschauen, während mit einer Person gearbeitet wird. Jeder kann gleichzeitig aktiv beteiligt sein und das Klopfen für sich selbst nutzen.

Wer nahm an der Studie teil?

Die Teilnehmer gehörten einem Netzwerk erfahrener Unternehmer an. Voraussetzung war unter anderem, dass ihr Unternehmen einen Jahresumsatz von mindestens neun Millionen US-Dollar erzielte. In die abschließende Auswertung gingen die vollständigen Angaben von 39 Personen ein:

  • 25 Frauen und 14 Männer
  • Alter zwischen 46 und 84 Jahren
  • Durchschnittsalter knapp 63 Jahre
  • überwiegend Personen mit Hochschulabschluss

Bei elf weiteren Teilnehmern fehlte entweder die Messung vor oder nach dem Seminar, sodass ihre Angaben nicht vollständig ausgewertet werden konnten. Die untersuchte Gruppe war damit sehr speziell und nicht mit der allgemeinen arbeitenden Bevölkerung gleichzusetzen.

Wie lief der EFT-Tag ab?

Zu Beginn füllten die Teilnehmer Fragebögen zu ihrem aktuellen psychischen Befinden aus. Anschließend erhielten sie Informationen über die Auswirkungen von Stress auf den Körper und eine Einführung in EFT.

Danach wurden sie in fünf kleinere Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe wurde von einem erfahrenen EFT-Anwender begleitet. Zu den Seminarleitern gehörten unter anderem ein klinischer Psychologe, eine klinische Sozialarbeiterin und zwei Coaches.

In den Kleingruppen arbeitete der jeweilige Leiter nacheinander mit einzelnen Teilnehmern. Die übrigen Gruppenmitglieder beobachteten die Sitzung und klopften gleichzeitig bei sich selbst. Nach den Klopfrunden berichteten sie über ihre Erfahrungen und konnten Fragen stellen.

Am Ende des Seminartages wurden die psychologischen Fragebögen erneut ausgefüllt.

Was wurde gemessen?

Für die psychischen Belastungen verwendeten die Forscher den SA-45-Fragebogen. Er erfasst verschiedene Bereiche psychischer Symptomatik, darunter:

  • Ängstlichkeit
  • depressive Beschwerden
  • zwanghaft erlebte Gedanken und Verhaltensweisen
  • Feindseligkeit
  • zwischenmenschliche Empfindlichkeit
  • Misstrauen
  • phobische Ängste
  • körperbezogene Beschwerden

Zusätzlich werden zwei übergeordnete Werte berechnet: die allgemeine Stärke der Belastung und die Anzahl beziehungsweise Breite der berichteten Symptome. Eine Teilgruppe von 23 Teilnehmern bewertete außerdem drei persönliche Belastungsbereiche auf einer Skala von 0 bis 10:

  1. einen körperlichen Schmerz oder ein unangenehmes Körpergefühl,
  2. eine belastende Kindheitserinnerung,
  3. das Verlangen nach einem gewohnheitsmäßig konsumierten Lebensmittel, Getränk oder Genussmittel.

Als Beispiele nennt die Studie Schokolade, Kuchen, Brot, Alkohol und Tabak. Diese drei Werte wurden jeweils vor und nach einer etwa halbstündigen EFT-Gruppenphase erhoben.

Deutlich geringere psychische Belastungswerte

Nach dem Seminartag waren die Werte in fast allen untersuchten psychischen Bereichen niedriger. Statistisch signifikante Veränderungen zeigten sich unter anderem bei:

  • Ängstlichkeit
  • depressiven Beschwerden
  • zwanghaften Symptomen
  • Feindseligkeit
  • zwischenmenschlicher Empfindlichkeit
  • Misstrauen
  • phobischer Ängstlichkeit

Bei den körperbezogenen Beschwerden und dem in diesem Fragebogen als „Psychotizismus“ bezeichneten Skalenwert gingen die Mittelwerte zwar ebenfalls zurück. Diese Veränderungen waren jedoch statistisch nicht signifikant.

Der übergeordnete Wert für die Stärke der psychischen Belastung sank nach der von den Autoren verwendeten Berechnungsweise durchschnittlich um 34 Prozent. Die Breite der berichteten Symptome verringerte sich um etwa 30 Prozent.

Wichtig ist dabei: Die 34 Prozent sind nicht einfach die prozentuale Differenz der beiden Fragebogenmittelwerte. Die Autoren berechneten sie ausgehend vom niedrigsten möglichen Wert des Normbereichs.

Was geschah mit Schmerz, Erinnerungsbelastung und Verlangen?

Auch bei den zusätzlichen Bewertungen der 23 Teilnehmer zeigten sich deutliche Veränderungen.

  • Schmerz oder körperliches Unbehagen: Der durchschnittliche Belastungswert sank von 4,22 auf 2,48 Punkte. Das entspricht einer Verringerung um rund 41 Prozent.
  • Belastende Kindheitserinnerung: Die durchschnittlich angegebene Belastung ging von 5,43 auf 3,19 Punkte zurück – ebenfalls um etwa 41 Prozent.
  • Verlangen nach Lebens- oder Genussmitteln: Der Mittelwert sank von 5,27 auf 2,64 Punkte. Das entspricht einer Verringerung um ungefähr 50 Prozent.

Alle drei Veränderungen waren statistisch signifikant. Nach Angaben der Autoren wurden während der Untersuchung keine unerwünschten Ereignisse festgestellt.

Was ist an den Ergebnissen besonders interessant?

Die Teilnehmer erlebten nicht mehrere Wochen Einzeltherapie. Sie nahmen an einem einzigen Seminartag teil und arbeiteten überwiegend in Gruppen.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass EFT in diesem Rahmen nicht nur als Methode für die Person eingesetzt werden kann, die gerade unmittelbar begleitet wird. Auch die beobachtenden und gleichzeitig klopfenden Gruppenmitglieder können offenbar von der Arbeit profitieren.

Für die Seminarpraxis ist das bedeutsam: Demonstrationen müssen nicht zwangsläufig Zeiten sein, in denen die übrigen Teilnehmer lediglich zusehen. Durch Borrowing Benefits kann jeder die Demonstration als eigene Klopfrunde nutzen. Dabei können mehrere Prozesse zusammenwirken:

  • Das Thema der Person im Mittelpunkt erinnert andere an eigene Erfahrungen.
  • Die Teilnehmer erleben, wie ein belastendes Anliegen Schritt für Schritt differenziert wird.
  • Sie bleiben durch das Klopfen körperlich und emotional beteiligt.
  • Die Gruppe vermittelt möglicherweise das Gefühl, mit Belastungen nicht allein zu sein.
  • Die Arbeit eines Teilnehmers kann neue Aspekte bei anderen Gruppenmitgliedern anregen.

Welche dieser Faktoren für die Veränderungen verantwortlich waren, konnte die Studie allerdings nicht getrennt untersuchen.

Was lässt sich aus der Studie ableiten?

Die Untersuchung liefert einen interessanten Hinweis darauf, dass ein eintägiges, strukturiertes EFT-Gruppenseminar kurzfristig mit einer Verringerung verschiedener subjektiv erlebter Belastungen verbunden sein kann. Sie beweist jedoch nicht, dass sämtliche Veränderungen ausschließlich durch EFT verursacht wurden.

Was EFT-Anwender aus der Studie mitnehmen können

Die Studie ermutigt dazu, Gruppenarbeit nicht als zweitklassigen Ersatz für Einzelsitzungen zu betrachten. Gut angeleitete EFT-Gruppen können einen eigenen Wert haben. Besonders die Borrowing-Benefits-Methode bietet mehrere praktische Möglichkeiten:

  • Demonstrationen aktiv gestalten: Während der Seminarleiter mit einem Teilnehmer arbeitet, können alle anderen mitklopfen und sich auf ein eigenes Thema beziehen.
  • Persönliche Grenzen respektieren: Nicht jeder möchte sein Anliegen vor einer Gruppe ausführlich schildern. Durch das stille Mitklopfen können Teilnehmer dennoch aktiv arbeiten, ohne private Einzelheiten offenzulegen.
  • Selbstanwendung vermitteln: Die Teilnehmer erleben EFT nicht nur als eine Methode, die von einem Behandler „gemacht“ wird. Sie erfahren unmittelbar, wie sie das Klopfen selbst anwenden können.

Gemeinsames Lernen ermöglichen

Die Gruppe hört, wie ein Thema präzisiert, eine Belastungsintensität eingeschätzt und auf auftauchende Aspekte reagiert wird. Dadurch wird der EFT-Prozess anschaulich und nachvollziehbar.

Gerade für Seminarleiter besteht die Herausforderung darin, die Teilnehmer nicht einfach dieselben Sätze mechanisch wiederholen zu lassen. Borrowing Benefits bedeutet nicht, dass alle Menschen dasselbe Problem haben. Entscheidend ist, dass jeder innerlich bei seiner eigenen Wahrnehmung bleibt und seine Belastungsgrenzen respektiert.

Ein ermutigendes Ergebnis

Innerhalb eines einzigen Tages gingen in dieser Gruppe zahlreiche psychologische Belastungswerte zurück. Bei einer Teilgruppe verminderten sich außerdem die subjektive Schmerzintensität, die Belastung durch eine Kindheitserinnerung und das Verlangen nach bestimmten Lebens- oder Genussmitteln.

Besonders spannend ist, dass diese Veränderungen in einem Gruppenformat beobachtet wurden. Borrowing Benefits könnte daher eine praktikable Möglichkeit sein, viele Menschen gleichzeitig in die EFT-Selbstanwendung einzubeziehen – ohne dass jeder Teilnehmer eine vollständige Einzelsitzung benötigt.

Die Untersuchung macht damit neugierig auf eine Frage, die weitere Forschung beantworten sollte: Wie nachhaltig können solche Veränderungen werden, wenn Menschen EFT nach einem Seminar regelmäßig und eigenständig weiter anwenden?

Quelle: Church, D., & David, I. (2019). Borrowing benefits: Clinical EFT (Emotional Freedom Techniques) as an immediate stress reduction skill in the workplace. Psychology, 10(7), 941–952.

Zur vollständigen Studie…

Weitere wissenschaftliche Studien…

Wichtiger Hinweis: Die hier vorgestellte Methode der Klopfakupressur (EFT) versteht sich als komplementäre Maßnahme zur emotionalen Selbsthilfe. Sie ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starker oder anhaltender psychischer Belastung kann es sinnvoll sein, zusätzlich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.