
„Ich weiß gar nicht, was ich fühle.“
Dieser Satz begegnet vielen EFT-Anwendern immer wieder. Manchmal kommt er gleich zu Beginn einer Sitzung, manchmal erst dann, wenn man nach einer Emotion fragt. Für manche Klienten scheint die Antwort sogar völlig selbstverständlich zu sein: „Da ist nichts.“
Doch was bedeutet das eigentlich?
Wenn jemand unter belastenden Situationen leidet, immer wieder ähnliche Schwierigkeiten erlebt oder bestimmte Themen nicht loslassen kann, dann spricht vieles dafür, dass emotionale Prozesse beteiligt sind. Die spannende Frage lautet daher nicht, ob Gefühle vorhanden sind, sondern eher, wie gut der Zugang zu ihnen gerade möglich ist.
Können Menschen wirklich nichts fühlen?
Meine Erfahrung spricht dagegen.
Natürlich gibt es Momente, in denen Menschen tatsächlich bewusst keine Emotionen wahrnehmen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass keine Emotion vorhanden ist. Gefühle können sehr tief vergraben sein. Sie können über Jahre verdrängt, überdeckt oder so gut geschützt worden sein, dass sie dem bewussten Erleben kaum noch zugänglich sind.
Manche Menschen haben schon früh gelernt, unangenehme Gefühle nicht wahrzunehmen. Andere funktionieren im Alltag so stark über Denken, Analysieren oder Handeln, dass der Kontakt zur eigenen Gefühlswelt in den Hintergrund gerät.
Das Interessante dabei: Auch wenn jemand sagt, nichts zu fühlen, reagiert er oft dennoch auf bestimmte Situationen. Er vermeidet etwas, ärgert sich über bestimmte Menschen, fühlt sich unter Druck oder erlebt innere Blockaden. Irgendwo im Hintergrund arbeitet also etwas – selbst wenn es momentan nicht bewusst wahrgenommen wird.
Die „Als-ob“-Strategie
An diesem Punkt kann eine einfache, aber oft erstaunlich wirksame Vorgehensweise helfen. Der deutsche Philosoph Hans Vaihinger entwickelte die Idee, mit hilfreichen Annahmen zu arbeiten – selbst dann, wenn man etwas nicht direkt beweisen oder erleben kann. Übertragen auf EFT könnte das so aussehen:
„Du fühlst also im Moment nichts. Das kommt vor. Manchmal verstecken sich Emotionen im Hintergrund und zeigen sich nicht sofort. Das ist kein Problem. Wir können trotzdem damit arbeiten.“
Anschließend wird nicht nach dem gefragt, was gerade gefühlt wird, sondern nach dem, was wahrscheinlich gefühlt würde.
Zum Beispiel:
- „Wenn Du etwas fühlen könntest – welche Emotion wäre das dann vermutlich?“
- „Welche dieser Emotionen wäre wahrscheinlich am stärksten?“
- „Wie intensiv wäre sie vermutlich auf einer Skala von 0 bis 10?“
Plötzlich entsteht oft Bewegung. Der Klient muss nicht mehr beweisen, dass er etwas fühlt. Er darf einfach spekulieren. Genau dadurch entsteht häufig ein erster Zugang zu den darunterliegenden Emotionen.
Warum diese Methode so gut funktioniert
Das Gehirn liebt Sicherheit. Wer verzweifelt versucht, eine Emotion zu finden, erlebt häufig Druck. Dieser Druck kann den Zugang sogar zusätzlich blockieren.
Die hypothetische Fragestellung nimmt dagegen den Leistungsdruck heraus. Niemand muss „richtig fühlen“. Niemand muss etwas produzieren. Stattdessen genügt eine Vermutung.
Und erstaunlicherweise führen diese Vermutungen oft sehr nah an die tatsächlichen Emotionen heran. Nicht selten stellt sich während des Klopfens heraus, dass hinter dem vermeintlichen „Nichts“ doch Ärger, Angst, Enttäuschung, Scham oder Hilflosigkeit verborgen waren.
Ein wichtiger Hinweis
Der Erfolg dieser Vorgehensweise hängt auch von der eigenen inneren Haltung ab.
Wenn Du selbst überzeugt bist, dass hinter dem „Ich fühle nichts“ mehr steckt, wirst Du die Fragen ruhig, selbstverständlich und vertrauensvoll stellen. Genau diese Sicherheit überträgt sich häufig auf den Klopfpartner.
Das Ziel ist nicht, jemanden zu überzeugen oder zu einer Emotion zu drängen. Es geht vielmehr darum, einen sanften Zugang zu ermöglichen, ohne Widerstand zu erzeugen.
Fazit
„Ich fühle nichts“ ist nicht das Ende einer EFT-Sitzung. Oft ist es sogar der Anfang einer spannenden Entdeckungsreise.
Statt gegen die vermeintliche Gefühllosigkeit anzukämpfen, kann es hilfreich sein, sie einfach anzunehmen und dann mit hypothetischen Fragen zu arbeiten. Die Erfahrung zeigt, dass auf diese Weise häufig genau die Emotionen sichtbar werden, die zuvor unerreichbar schienen.
Manchmal genügt ein kleines „Angenommen, Du könntest etwas fühlen …“, um eine Tür zu öffnen, die lange verschlossen war.
Diese und viele weitere fortgeschrittene EFT-Strategien lernst Du im EFT Klopfakupressur Modul 4. Dort werden solche Ansätze nicht nur erklärt, sondern anhand von Demonstrationen gezeigt und in professionell begleiteten Übungen praktisch erlebt.