
Was hilft, wenn im Prozess plötzlich etwas auftaucht – und warum weniger oft mehr ist
Manchmal geschieht es ganz unerwartet: In einem Coaching- oder Therapieprozess taucht plötzlich ein Bild auf, eine Erinnerung, ein diffuses Gefühl oder eine Körperempfindung, die sich nicht sofort einordnen lässt. Viele traumatische Erfahrungen sind lange gut kompensiert – Betroffene wirken stabil, belastbar, „funktionierend“. Fachlich spricht man davon, dass ein großer Teil als remittiert gilt. Doch das bedeutet nicht, dass alles vollständig verarbeitet ist.
Gerade in sicheren, vertrauensvollen Settings können sich solche inneren Spuren zeigen. Und genau hier entscheidet sich viel.
Die wichtigste Regel: Stabilität geht vor Inhalt
Wenn sich traumanahe Empfindungen bemerkbar machen, ist Zurückhaltung entscheidend. Jetzt ist nicht der Moment für detailliertes Nachfragen, Analyse oder gar Konfrontation. Jede Vertiefung kann die vorhandene Stabilität gefährden.
Stattdessen gilt:
- Wahrnehmen, benennen, aber nicht hineingehen.
- Den Fokus im Hier-und-Jetzt halten.
- Ressourcen aktivieren, nicht Erinnerungen.
Diese Haltung entspricht heutigen traumatherapeutischen Grundprinzipien: Stabilisierung vor Verarbeitung.
Bewährte erste Interventionen
In solchen Situationen haben sich sanfte, strukturierte Methoden bewährt, die Distanz zum belastenden Material wahren:
- Trauma Tapping Technique (TTT)
Eine sehr schonende Form des Klopfens, die ohne inhaltliche Aktivierung auskommt. Sie eignet sich besonders gut, wenn unklare oder überwältigende Empfindungen auftauchen. - Tränenfreie Trauma-Technik (Tearless Trauma Technique)
Wenn der Prozess reif genug ist, ermöglicht sie ein hypothetisches Arbeiten – ohne das Ereignis innerlich zu durchleben. - „Den Schmerz jagen“ (Chasing the Pain)
Der Fokus liegt auf wechselnden Körperempfindungen, nicht auf Erinnerungen oder Bedeutungen. - Film-Technik (Movie Technique)
Eine klar strukturierte Methode mit innerer Distanz, die nur bei ausreichender Stabilität eingesetzt wird.
All diese Ansätze verfolgen dasselbe Ziel: emotionale Aktivierung begrenzen, Selbstwahrnehmung stärken und Sicherheit erhalten.
Bei hoher Belastung: Ein klarer Notfallplan
Eine klassische Traumastabilisierung besteht in
- Psychoedukation & Normalisierung
Betroffene lernen: dass ihre Reaktionen normale Antworten auf extreme Belastung sind, wie das Nervensystem auf Bedrohung reagiert, warum Symptome kommen und gehen können. Zentral ist hier das Konzept des „Fensters der Toleranz“, geprägt von Daniel J. Siegel. Es beschreibt den Bereich, in dem emotionale Aktivierung regulierbar bleibt – weder Übererregung noch Erstarrung. - Boden- & Realitätsorientierung (Grounding)
Grounding-Techniken helfen, sich aus inneren Zuständen wieder sensorisch zu verankern, z. B.: bewusstes Spüren der Füße auf dem Boden, Benennen von 5 Dingen, die man sieht / 4 hört / 3 spürt, Temperatur, Gewicht oder Struktur wahrnehmen. Diese Techniken werden u. a. in der International Society for Traumatic Stress Studies ausdrücklich empfohlen. - Atemregulation
Langsame, rhythmische Atmung – insbesondere mit verlängertem Ausatmen – unterstützt die parasympathische Aktivität: z. B. 4 Sekunden ein / 7 Sekunden aus, Atem zählen oder sanft begleiten, nicht kontrollieren. Wichtig: kein tiefes Forcieren, keine Atemmanöver unter Zwang. - Körperwahrnehmung & Ressourcenkontakt
Statt Trauma-Inhalte zu aktivieren, richtet sich die Aufmerksamkeit auf: neutrale oder angenehme Körperempfindungen, Bereiche von Stabilität, Wärme, Kontakt, kleine Bewegungen, Dehnung, Aufrichtung. Diese Form der Arbeit findet sich u. a. in Trauma and Recovery von Judith Herman. - Imaginative Stabilisierung
Klassische Imaginationen sind z. B.: „Sicherer Ort“, „Innerer Schutzraum“, „Tresor“ für belastende Gedanken. Diese Techniken werden u. a. in der psychodynamischen Traumatherapie und bei EMDR-Vorbereitungen eingesetzt. Wichtig: Nicht jede Imagination ist für jede Person geeignet – sie wird behutsam eingeführt und überprüft. - Selbstwirksamkeit & Notfallpläne
Stabilisierung bedeutet auch, etwas tun zu können, wenn es schwierig wird: klare Abfolgen einfacher Schritte, kurze Übungen, die selbstständig anwendbar sind, transparente Vereinbarungen („Was mache ich, wenn …?“). Das stärkt Autonomie und reduziert Hilflosigkeit. Menschen, die zu starken emotionalen Ausschlägen oder innerer Überforderung neigen, profitieren von einer festen Abfolge einfacher Schritte. Besonders ein persönlicher Notfallplan kann helfen, frühzeitig gegenzusteuern – etwa durch kurze Klopfsequenzen, Atemrhythmen, Orientierung im Raum oder bewusstes Wahrnehmen von Körperkontakt (z. B. Füße auf dem Boden). Ich benutze in meiner Praxis dafür diesen Notfallplan für starke emotionale Belastungen. Wichtig ist: Der Plan wird vorab vermittelt und geübt – nicht erst im akuten Moment. - Beziehungs- & Rahmensicherheit
Stabilisierung geschieht nicht nur „durch Technik“, sondern durch: klare therapeutische Haltung, Vorhersehbarkeit, Verlässlichkeit und Transparenz, Die therapeutische Beziehung selbst wirkt nervensystemregulierend – ein zentraler Befund der modernen Traumaforschung.
Fazit
Trauma zeigt sich oft leise. Gerade deshalb braucht es Aufmerksamkeit, Erfahrung und innere Klarheit. Wer Stabilität schützt, schafft die Grundlage für alles Weitere. Nicht Tiefe macht den Unterschied, sondern Timing.
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